An 3000ern vorbei – Die Via Claudia von Füssen nach Bozen

Aktuelle Statistik (Stand: 14.05.18)

  • Tage unterwegs: 10
  • gefahrene Kilometer: 592
  • bereiste Länder: 3
  • Nächte im Zelt: 4
  • Platten: 0

 

Die Via Claudia Augusta wurde im Jahre 47 n. Chr. unter Kaiser Claudius vom heutigen Venedig (damals Altinum) über den Reschenpass bis an die Donau erbaut. Sie war somit die einzige römische Kaiserstraße über die Alpen und verband das Alpenvorland mit der Adria. Damals wurde sie als militärischer Weg genutzt, in den folgenden Jahrhunderten entwickelte sie sich zu einer wichtigen Handels- und Reiseroute. (bikeline)

Von Füssen wegzukommen hat mit einem Tag Verspätung geklappt, denn es hat tatsächlich noch ein wenig geregnet und das sind nicht die optimalen Startbedingungen, um das erste Mal alleine loszuradeln. Zudem war es schon fünf Uhr nachmittags und Samuel sagt: “Um diese Uhrzeit habe ich an manchen Tagen meiner Reise gerade meinen Schlafplatz gesucht”. Jetzt also losfahren fühlte sich doch nicht mehr vernünftig an, gerade da ich ja auch keinen Schlafplatz geklärt habe. Wie sollte ich auch? Es gab nur ein warmshowers-Mitglied auf den kommenden erreichbaren Kilometern und das meldete sich nicht zurück, da es anscheinend selber auf Radreise ist. Also blieb ich noch eine Nacht bei Samuel und war froh noch eine Nacht länger ein richtiges Bett zu haben.

Am nächsten Tag geht es nach einem Abschiedsfoto dann endlich los. Der Unterschied zu den Tagen mit Begleitung ist groß. Denn nun muss ich mir das erste Mal den Weg aus der Karte erschließen, kann dies nicht auf meinen Mitreisenden abschieben, habe noch keinen Schlafplatz für den Abend und bin eben ohne Begleitung, also alleine. Und das fühlt sich auf den ersten Metern ziemlich falsch an, doch dann geschieht ein Wandel.

 

Alleine weiter. Das erste Mal fühlt es sich nun also nach meiner  Fahrradfernreise an, wie ich sie mir schon lange und häufig ausgemalt habe. Das Gefühl jetzt die Verantwortung dafür zu haben, was in den kommenden Monaten passieren wird, macht sich breit. Nun aber erst mal pedalieren. In den ersten zwei Tagen schaffe ich es über den sogenannten Fernpass. Das Gewicht meines Rades ist mit 50 Kilogramm grenzwertig, schwerer dürfte es nicht sein und natürlich denke ich von nun an darüber nach, auf was ich nicht doch verzichten könnte und in ein paar Wochen mit einem Paket nach Hause schicken werde. Die erste Nacht alleine verbringe ich dann hinter einem Imbiss im Zelt und als Gegenleistung esse ich dort einen Schnitzel-Burger. Ich beginne hiermit ein Verhalten, dass Ritual werden könnte: Campingplatz anrufen, nach Preis fragen, mich bedanken, auflegen, vorstellen was ich mir von dem Geld an Essen kaufen könnte, nach Grundstücken mit Rasenfläche schauen, nachfragen, dort Zelten.

Am nächsten Morgen esse ich Spaghetti zum Frühstück, werde beim neunzigminütigen Zeltabbau und Zusammenpacken von den Nachbarskindern beobachtet – diese verstecken sich dann aber immer hinter der Fensterbank wenn ich hinüberschaue – und treffe am Nachmittag den Rentner Peter aus dem Raum Köln, der mit seiner Frau bis vor kurzem auf dem Via Claudia gefahren ist. Als nicht so routinierte Radfahrerin hat sie sich bei einem Sturz vom E-Bike den Daumen gebrochen und er fährt nun den Rest des Weges nach Venedig alleine. Wir werden Reisegefährten für den Rest des Tages und ich genieße das Plaudern sowie seine Redeanteile im Kölsch-ähnlichen Dialekt, welchen ich hier in Tirol nicht erwartet hätte. Außerdem hilft die Ablenkung durch Peter von den Gesäßschmerzen abzulenken, die meist bei 30 bis 40 Kilometern beginnen. Wir sprechen unter anderem über unser Reisebudget und stellen fest, dass Peter pro Tag das fünfzehnfache von meinem Tagesbudget einplant, also 150 Euro. Doch da er nicht zeltet, keinen Kocher dabei hat und bei der Schlafplatzsuche nicht auf die Gastfreundlichkeit Fremder setzt und auch keinen Unterschied zwischen Zwei-, Drei- oder Vier-Sterne Unterbringungen macht, ist das auch kein Wunder. Hach, wenn ich mal Rentner bin… Wir trennen uns am Abend und ich finde auf Anhieb einen naturnah gepflegten Garten in dem mir das Zelten erlaubt wird und ich eine herrlich kalte Dusche unter dem Gartenschlauch nehmen kann.

Die Via Claudia Augusta ist unglaublich schön. Die Mailandschaft ist sattgrün, waldig und duftet, die Dörfer klein, traditionell und bilderbuchartig, die Berge steil, schneebedeckt und malerisch, der Weg ausgeschrieben, meist asphaltiert und verkehrsarm. Mein Routenbuch führt mich möglichst auf dem Originalverlauf der Römerstraße und weist darauf hin, wenn sich die zweitausend Jahre alte Straße nur wenige Zentimeter unter dem heutigen Kies befindet. Die bis zu viertausend Meter hohen Berge sind noch Schnee bedeckt, die Alpenlandschaft wirkt gepflegt und Plastikmüll liegt hier nur selten herum. Die Region lebt vom Wintertourismus, wohl immer mehr auch von den wandernden und Rad fahrenden Sommerbesuchern und ansonsten von der Landwirtschaft, es wir aus feuerwehrschlauchdicken Schläuchen Wasser auf die Wiesen gesprengt und zum Navigieren auf der Radroute bis Italien reichen eigentlich (es sei denn man kommt von ihr ab) die Pfeil- und Bodenmarkierungen. In Italien ändert sich die Beschilderung optisch stark, doch sind die Möglichkeiten sich zu verirren durch die beiden Talflanken stark eingeschränkt. Die Radwege sind generell gut, in Italien sogar in herausragender Qualität, manchmal komplett neu asphaltiert, sogar mit Fahrbahnmarkierungen. Und das Beste: Ab Italien geht es für die nächsten 120km fast nur noch bergab. Eine andere Möglichkeit bleibt auch nicht, schließlich muss von 1500 Metern Höhe am Reschenpass (Grenzübergang Österreich-Italien) auf 300 Meter Höhe im 80 km entfernten Bozen abgebaut werden.

Kalorienzählen andersherum. Meine Ernährung während des Radfahrtages basiert auf selbst geschmierten Brötchen. Zwischendrin gibt es dann mal einen Apfel oder eine Banane. Da mir der Gedanke gekommen ist, dass zu wenig Kalorien echt keine Option sind und mich mittelfristig auszehren könnten, habe ich mir heute eine Butter gekauft und die Hälfte gleich heute auf den Brötchen und Brezeln verschmiert. Doch ist das für mich eigentlich die Menge die ich immer nehme. Das sind allein 1000kcal durch das Fett, das sollte vorerst meine Kaloriensorgen stillen.

Zelten. In Prad möchte ich den Radfahrtag beenden und beginne auf den letzten Kilometern mit dem Zeltplatz-Scan. Am Campingplatz stoppe ich kurz, fahre aber weiter und komme an einem gepflegten, aber sympathischen Grundstück mit vielen Apfelbäumen vorbei. Ich zweifle, ob es vielleicht im Besitz von einem alten, schlecht gelaunten Ehepaar ist, dass mit meinen spontanen Einfällen nicht das geringste anfangen kann und mich schon gar nicht auf ihrem kurz gemähten Rasen campen lassen wird. Doch es kommt ganz anders. Denise und Andreas sind weder alt noch schlecht gelaunt, sondern knappe 50 Jahre alt (Sorry, falls ich mich verschätze) und sehr gastfreundlich. Ich werde zum gemeinsamen Frühstück eingeladen und bekomme sogar noch belegte Brötchen mit, da ich trotz Samuels Warnung nicht beachtet habe, dass die Läden am Sonntag geschlossen sind und ich mir somit kaum etwas bezahlbares hätte kaufen können. Gerne hätte ich die Beiden noch nach ihrer Telefonnummer gefragt und zu mir nach Rosenheim eingeladen, wenn ich denn dort im Herbst wohne. Dies hole ich hiermit nach.

Reisebegleitung. Ich bin auf der abschüssigen Strecke von Prad Richtung Meran in meinem normalen langsamen Trott mit häufigem Anhalten und radeln um die 18 Stundenkilometer unterwegs, da werde ich von einem ähnlich mächtig bepacktem Reiseradler schnell und ohne einen Gruß (Korrektur: mit kurzem Gruß) überholt. Mein Interesse ist auf Grund seines Gepäcks sofort geweckt und ich klemmte mich die nächsten drei bis vier Kilometer an seine Fersen bevor ich ihn anspreche und nach seinem Tagesziel frage. Dominick (32) und ich kommen schnell ins Gespräch und ich erfahre, dass er noch ca. drei Wochen unterwegs sein wird, bald in Richtung Slowenien. Er ist Projektleiter bei Siemens in Mannheim und dies ist nicht seine erste Radreise als geübter Rennradfahrer. Da er noch größer als ich (>1,90m) ist, komme ich bald in den Genuss seines wirklich gewaltigen Windschattens und so fühle ich mich wie im Expresszug nach Meran. Das Szenario wird noch schneller, als ein Rennradfahrer vor uns auf die hervorragende Asphaltdecke fährt und Dominick sich wiederum in dessen Windschatten positioniert. Die nächsten 10 Kilometer rauschen wir also mit 34-er Schnitt dahin, alleine wäre ich sicher nur halb so schnell gewesen. In Meran wollen wir uns nicht lange aufhalten lassen und fahren noch ungefähr fünfzehn Kilometer weiter, bis ich zufällig wieder meine typischen 73 Tageskilometer auf dem Tacho habe und wir vor allem den Campingplatz “Zum Guten Tropfen” erreichen. Wir bauen Zelte auf, gehen duschen, kochen und essen. Ich genieße es mit Dominick ausgiebig zu reden und schaue mir ein paar Tricks seines Campingalltags ab. Ein Tipp: Niemand braucht einen ganzen Spülschwamm, wenn er auf Reisen ist. Es reicht auch ein Drittel, dass mit der Schere abgeschnitten wird. Ein Anderer: Couscous ist sehr praktisch für die Reiseküche, denn es muss anders als Reis nicht lange mit gekocht werden, es wird nur in die heiße (Tüten-) Suppe gerührt und fünf Minuten stehen gelassen. Mehr davon in nächste Zeit! Ein Letzter: Zipp-Beutel, also die Plastikbeutel mit eingebautem Zipp-Verschluss sind unglaublich praktisch, wenn es darum geht Lebensmittel oder Kosmetik, die auslaufen könnten, einzupacken. Am nächsten Tag bilden wir noch bis Bozen eine Reisegemeinschaft, denn dann verlässt er den Via Claudia Augusta und fährt weiter nach Slowenien, wo ich erst nach dem Etappenziel Venedig hinstrebe.

 

 

 

Kommentare

  1. Gerhard Berndt

    Hallo Hannes, toll deine Reise. Tolle Berichte. Danke dass du an uns gedacht hast. Wünschen dir weiterhin eine gute Fahrt.
    Liebe Grüße aus Nürnberg.
    Astrid und Gerhard Berndt

    1. Autor
      des Beitrages
      HannesPeter

      Hallo Astrid und Berndt! Ich hoffe der nächste Bericht gefällte euch auch! Vielen Dank und Grüße nach Nürnberg aus Triest! Hannes

  2. Maria 70

    Hannes, danke für Deinen Bericht. So habe ich Dir das gewünscht: immer wieder gute Reisebegleiter. Mach weiter so! Viel Glück, Maria70

    1. Autor
      des Beitrages
      HannesPeter

      Maria, Ja neue Reisebegleiter zu treffen ist sehr aufregend, denn innerhalb von Sekunden klärt sich, ob man vielleicht ein paar Stunden vielleicht aber Tage zusammen fährt. Allein gestern hatte ich drei mal für jeweils kurze Zeit Begleitung und bestimmt dreimal sind mit viel-bepackte Paare entgegengekommen. Leider ja der Effekt, dass einem die meisten eben entgegenkommen, denn die in der selben Richtung sind ja nun meist im selben Tempo unterwegs und der Abstand hält sich bei. Danke! Grüße aus Triest!

    1. Autor
      des Beitrages

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