Illegal im Nationalpark und zwei Weggefährten für den Balkan

Die Gefahren einer Radreise

In dem Moment in dem ich diesen Bericht anfange, habe ich von der Belgierin Sigrid, welche mich in Italien für zwei Tage begleitet hat, erfahren, dass sie durch einen Zeckenstich an Borreliorose erkrankt ist. Dies stimmt mich nachdenklich und stößt mich dazu an, einmal genauer auf die Gefahren während einer Radreise zu blicken.

Du bist aber mutig, dass du dich au so eine Reise traust. Das ist aber ganz schön gefährlich, was du vorhast. Und du bist dir sicher du willst nicht auf dem Campingplatz zelten? Dort draußen im Wald ist es aber nicht sicher. Hast du mal an die streunenden Hunde oder Leute, die dich ausrauben wollen, gedacht?

Solche Sätze hörte ich vor meiner Radreise häufig und tue es auch jetzt noch. Gefahren können überall lauern und ja, theoretisch könnte ich auch Opfer eines Räubers im Wald werden – genau wie damals im Mittelalter. Gefahren richtig abzuschätzen ist eine Kunst für sich und doch möchte ich mich mal daran machen, aufzulisten, was ich für die größten Gefahren während einer Radreise im Stil wie ich sie mache, halte.

  1. Der Straßenverkehr. Wer viel Zeit auf der Straße verbringt, ist einfach einer gewissen Gefahr ausgesetzt, da er vielen Verkehrsteilnehmern begegnet, deren Verhalten er nicht steuern kann. Es kann jeder Zeit passieren, dass eine Fehleinschätzung eintritt oder Fahrer unaufmerksam sind. Da Radfahrer keine Stahlkarosserie um sich haben, sind sie stark gefährdet und wenn es zum Unfall kommt, kann es schnell zu großen gesundheitlichen Schäden kommen. Ich selbst werde täglich hundertfach überholt, da in den meisten Ländern keine Fahrradwege außerhalb der Städte existieren. Zum Glück kann ich sagen, dass bis jetzt nur wenige Fahrzeuge zu eng überholt haben, die Landstraßen meist nur Geschwindigkeiten bis 70 Kilometer pro Stunde zulassen und der Geschwindigkeitsunterschied so meist nur 40–50 beträgt. Viele andere Radreisende werden mir recht geben, dass die Straße die größte Gefahr darstellt.
  2. Infektionen. Der hygienische Standard ist nicht in allen Ländern so hoch wie in Deutschland und es gibt Verbreitungsgebiete von schweren Krankheiten, die Radreisende kreuzen. Je nach Erd-Region können Krankheiten eine echte Gefahr darstellen. Vorsichtsmaßnahmen sind Impfungen, Moskitoschutz, Meiden von hohen Gräsern wegen Zecken, Trinkwassersterilisation und weitere. In meinem Fall habe ich mich speziell gegen Tollwut wegen den frei laufenden Hunden und gegen FSME, Typhus und Cholera (für einen stabileren Magen) impfen lassen. Malaria ist im Bereich zwischen Deutschland und Georgien zu vernachlässigen, doch Mückenstiche nerven natürlich. Zecken hatte ich bis jetzt noch keine, aber ich werde nach dem Fall von Sigrid noch mehr aufpassen.
  3. Überfälle. Als bloggender Radreisender verfüge ich über eine nicht minderwertige elektronische Ausstattung und auch meine sonstige Ausrüstung ist zusammengerechnet mehrere Tausend Euro wert. Und doch lasse ich häufig mein Fahrrad häufig völlig unabgeschlossen vor den Geschäften stehen. Wie passt das zusammen? Ich gehe davon aus, dass kein spontan klauender Räuber etwas mit einem 45 kg-Fahrrad anfangen möchte. Zudem bin ich einfach zu faul, mein großes Schloss zu verwenden, doch ich sollte mir für den Fall der Fälle eine einfache Lösung überlegen. Ich habe schon von Geschichten gehört, in denen Touristen nur ihrer teuren Kamera wegen erschossen und ausgeraubt wurden. Für einen solchen Fall muss die Armut und Verzweiflung sehr groß sein. Ich halte dies für einen Einzelfall aus einer sehr armen Region. Auch ein Überfall, egal wie drastisch kann in jedem Land der Erde und zu jedem Zeitpunkt passieren, natürlich auch nachts, wenn ich als Wildcamper schlafe. Vorsichtsmaßnahmen sind hier, unauffällig zu sein, Privatgrundstücke zu nutzen, teure Gegenstände zu verbergen und das Fahrrad am Zelt zu befestigen.

Zusammengefasst möchte ich sagen, dass Gefahren uns unser Leben lang begleiten und ich sie natürlich auch auf einer Radreise nicht hinter mir lasse. Ob das Radreiseleben ein gefährlicheres ist, als das auf der Couch kann ich kaum beurteilen (Kennt ihr eine Studie?), doch ich könnte auch vom Weg vom Bett zum Kühlschrank die Treppe herunterfallen. In jedem Fall ist das Radreisen eine ereignisreiche und herausfordernde Weise ein Teil seiner Lebenszeit zu verbringen und niemand sollte aufgrund von geschürten Ängsten, die wenig mit der Realität, sondern mehr mit ARD-Krimis zu tun haben, vor einer Weltreise zurückschrecken.

Ein Gedankenprotokoll. Ich verbringe mittlerweile viereinhalb bis sieben Stunden täglich auf dem Sattel. Was füllt diese Zeit?

Oh, das rechte Knie ziept ja ein wenig, hoffentlich hört das bald wieder auf. Mal in den Hintern hinein spüren, ooh nicht so gut. Der könnte mal eine Pause gebrauchen, also aufstehen und im Stehen treten. Was kitzelt da an der Stirn? Eine Schweißperle läuft hinunter. Sie rinnt weiter zum Auge und verschleiert die Sicht. Wegwischen. Boa, die Sonne brennt aber ganz schön. Reicht mein natürlicher Teint? Ich meine ich bin schon ganz schön braun, ich google das später mal, ob das reicht. Oh nein, dort vorne kommt eine Steigung, echt kein Bock mehr. Und muss Zach dort so hinaufsausen? Zum Glück – er wird auch langsamer, ja klar er hat ja auch viel Gepäck, etwas weniger zwar, aber keine Klickpedalen. Das macht 20 Prozent mehr Kraft.

Meine Muskeln, ja die sind gerade in guter Verfassung und sind gut warm. Doch später, das wird bestimmt richtig hart, wenn erst einmal die 100 km geknackt sind. Das wir auch unbedingt so weit fahren müssen, meine Idee war das nicht. Vielleicht sollte ich bald wieder alleine fahren, dann kann ich mir die Tageskilometer nach meinem Geschmack einteilen, außerdem wollte ich diese Reise doch größtenteils alleine machen. Doch es hat ja auch Vorteile, dieses gemeinsame Fahren. Alleine der Windschatten. Doch nein, noch viel mehr. Es macht ja Spaß in den Pausen zu quatschen, beim Einkaufen und kochen zu schauen, was die anderen machen …hey, müssen wir hier nicht abbiegen? ZachHereleft, I think! – No, google says right – antwortet er. Okay, folge ich halt seiner Navigation. Aber ich wäre hier abgebogen.

Ein pinker Sattel und ein grüner Nationalpark

Nach meiner Trennung von Marco mache ich mich alleine weiter auf, entlang der kroatischen Küste. Streckenweise gibt es wenig Steigungen, ich kann Geschwindigkeiten jenseits der 30 Kilometer pro Stunde über längere Zeit halten und knacke das erste Mal die 100-Kilometer-Marke. An diesem Tag fahre ich 116 Kilometer, statte Zadar und seiner Wellenorgel nur einen kurzen Besuch ab, obwohl sich ein längerer in dieser hübschen Stadt bestimmt auch gelohnt hätte. Danach schlage ich mein Zelt mit doch eher gedrückter Laune am Rand einer alten Küstenstraße auf. Ich weiß auch nicht was los ist. Fehlt mir so schnell wieder die Begleitung? Ich halte jedenfalls weiter Ausschau nach Radreisenden und verpasse nicht die Chance, als ich am nächsten Mittag ein Reiserad mit vier Taschen und pinkem Sattel vor einem Supermarkt stehen sehe. Reingehen muss ich eh, doch er oder sie wird mir entwischen können. Also halte ich den Ausgang stets im Auge. Schließlich sehe ich einen Mann am Smartphone im Kassenbereich, der zum Fahrrad passt. Paul stellt sich als ein 31-jähriger Deutscher, der in der Schweiz lebt, vor und entschließt sich mit mir zum Krka Nationalpark zu kommen. Dieser wurde mir auf einer Bahnfahrt in Deutschland von zwei Kroatinnen empfohlen. Zum Glück hatte ich kurz vor dem Zusammentreffen noch einmal auf meine Kritzeleien aus Deutschland geschaut.

Im Nationalpark kommen wir um den viel zu hohen Eintritt (15 Euro) herum, da wir uns in eine Gruppe Touristen mischen, während das aufmerksame Personal in blauen T-Shirts die Busse kontrolliert. Noch davor erkundige ich mich über die Möglichkeiten zu baden und kriege zu hören, dass hierfür der derzeitige Wasserstand zu hoch sei und Zuwiderhandlungen bestraft würden. Ich frage nach der Höhe der Strafe. 300 Euro oder fünf Tage Gefängnis sollen es sein. Dann lieber nicht, jetzt erst einmal hinein. Der Nationalpark ist bekannt für seine Wasserfälle, die sich in vielen Stufen ergießen. Obwohl es Montag ist, drängen sich viele Touristen auf den Stegen über den rauschenden Bächen oberhalb des Hauptwasserfalls. Unten angelangt, lohnt sich der Blick wirklich und das aufgewirbelte Aerosol kühlt wunderbar bei diesen hohen Temperaturen jenseits der 30 Grad. Das Badeverbot gilt anscheinend wirklich, wird penibel kontrolliert und gilt auch, wenn nur bis zu den Knien hineingegangen, um ein perfektes Selfie vor den Wasserfällen zu erhalten. Diese Kontrollen ergeben einen, wie uns auffällt, sehr undankbaren Job. So läuft ein Mitarbeiter auf der Halbinsel herum und pfeift immer dann lautstark in seine Trillerpfeife, wenn Touristen ins Wasser steigen. Meist sind diese dann irritiert, da sie von dem Verbot nichts wussten und verstehen erst, wenn der Mitarbeiter Ihnen heftig zuwinkt, dass sie der Grund für den Pfiff waren. Schade, dass diese Kontrollen sein müssen, andererseits ist der Park wirklich aufgeräumt und ohne Plastikmüll, was mir sehr gefällt.

Ein Kalifornier vom Straßenrand

Die Nacht verbringen wir an einem Strand im Anflugbereich eines Flughafens an dem Hunde verboten sind, wir aber fast nur Hundebesitzer treffen. Vielleicht sind wir deswegen dort fast alleine. Wir starten den Radfahrtag am nächsten Morgen um acht Uhr, Paul muss mal wieder auf mich warten, da ich immer ein bisschen länger brauche. Nach ein paar Kilometern merke ich, wie Paul hinter mir plötzlich abbremst und zu einer Bank fährt. Auf dieser sitzt ein Radreisender, neben ihm sein Fahrrad mit nur zwei gelben Hinterradtaschen (Backroller) und an einer von ihnen, auffällig ein Skateboard befestigt. Er isst Apfelschnitze mit Erdnussbutter, eine Angewohnheit, die auf mich abfärben wird. Es stellt sich für mich heraus, das Paul und dieser junge Mann sich bereits in Zadar getroffen hatten, als Paul dort ein besetztes Haus suchte. Paul ist ein ausgesprochener Fan von diesen „squats“ und nutzt sie gerne als Übernachtungsmöglichkeit und noch mehr um dort neue Leute kennenzulernen. Zach stellt sich mir als 25-jähriger US-Amerikaner aus Kalifornien vor. Natürlich läuft erst einmal die obligatorische Begutachtung der Ausrüstung des anderen ab, sodass wir nach einiger Zeit ziemlich genau wissen, was jeder einzelne dabei hat; persönlich kennenlernen werden wir uns in den kommenden Tagen. Zach besitzt – wie gesagt – keine Vorderradtaschen, obwohl er auf einer richtigen Weltreise ist, die er im Oktober 2017 in seiner Heimat begonnen hat. Nachdem er die Staaten durchquert hat, nahm er im Januar den Flieger nach Österreich, um den Winter über von Mayrhofen im Zillertal aus snowboarden zu gehen. Ich finde das eine sehr elegante Lösung, den europäischen Winter auf diese Weise während einer Fahrradweltreise zu nutzen, wenn man selbst Wintersportler ist. Am 18. April ist er dann nach seiner Winterpause von Südwest-Frankreich aus in Richtung Italien mit dem Fahrrad gestartet. Auf den kroatischen Inseln sind wir wohl parallel gefahren, er eine Insel weiter westlich: Cres. Und nun sind wir uns hier im südlichen Kroatien über den Weg ge-fahren, während wir beide sowohl weiter Richtung Türkei als auch Kaspisches Meer wollen. Ein schöner Zufall! Ansonsten ist Zachs Setup, also seine Reiserad-Ausstattung etwas sportlicher und leichter als meines. Er besitzt einen Rennradlenker, ein sehr leichtes Zelt (900g, Big Agnes), eine Schlafunterlage, die er des Gewichtes wegen an einem Ende abgeschnitten hat und einen kleinen aufbaubaren Stuhl, um den ich ihn sehr beneide. Eine gemütliche Sitzgelegenheit während des Kochens ist nämlich Gold wert. Seine Essensvorräte sammelt er in seiner foodbag, die ein Keller-großes Loch besitzt, sodass der gesamte Inhalt eigentlich herausfallen müsste, es aber nicht tut. Und das Erdnussbutterglas und alles was sonst noch in dieser Plastiktüte herumschwirrt ist von Kaffeepulver überzogen, da dieses sich vor kurzem geöffnet hatte. Ich wundere mich die ganze Zeit, wie all seine Ausrüstung in die Backroller und die Lenkertasche passen und finde bald heraus, dass ich selbst wesentlich mehr Verbandsmaterial, Medikamente und Ersatzteile dabei habe. Zudem ist meine Küchenausstattung sperriger. Dabei ist ja Zach derjenige, der auf Weltreise geht und von dem man annehmen könnte, er müsste mehr dabei haben, dabei setzt er einfach andere Prioritäten.

Die gemeinsame Zeit mit Paul und Zach genieße ich sehr und es stellt sich heraus, dass wir ein drei ähnliches Tempo besitzen und niemand unterfordert ist. Aufgaben können aufgeteilt werden, so sparen wir alle Zeit. In Restaurants in denen wir jetzt meist zur Mittagszeit einkehren, fragt einer nach dem für Zach obligatorischen W-Lan-Code, einer bestellt das Wasser aus dem Hahn und der Dritte studiert schon einmal die Karte.

Die Zeltplatzsuche gestaltet sich von nun an etwas anders, da wir uns zu dritt sicherer fühlen und Zach auch Plätze in der Stadt vorschlägt. So zelten wir in Neum in Bosnien-Herzegowina am Wasser, aber nicht weit von den Restaurants der Promenade entfernt. Am nächsten Tag in Dubrovnik, wieder in Kroatien, besetzen wir einen Skateplatz mit unseren Kochern und Zelten. Zach kann nun sein Skateboard benutzen, welches sonst immer an seiner Rechten Hecktasche baumelt. Später am Abend kriegen wir auch Gesellschaft von einigen Kinder, die sich dort selbst um 10 Uhr abends noch mit Cola den Abend versüßen. Zach amüsiert sich darüber, dass die kids wie ihre großen Vorbilder die Nacht zum Tag machen. Der Nachteil an diesem Ort ist, dass die Flutlichtanlage nicht wie von den Einheimischen versprochen um 11:45 automatisch ausgeht, sondern die ganze Nacht brennt. Paul und Zach haben daher eine nicht so erholsame Nacht, ich hänge meine Zeltunterlage über mein Zelt und bekomme so weniger Licht in das Innenzelt.

Der Massentourismus setzt Dubrovnik zu

Die mittelalterliche Stadt Dubrovnik ist Drehort der TV-Serie Game-of-Thrones und hat seit wenigen Jahren einen Besucherzuwachs ohnegleichen erlebt. Zufällig reden wir mit einem der nur noch 900 einheimischen Bewohner der Altstadt, der sagt, dass es vor 20 Jahren, als er klein war, nur ein paar Touristen gab. Heute gibt es über eine Million Kreuzfahrtschiffbesucher jährlich und die UNESCO warnt vor einer Übernutzung des Weltkulturerbes. Auch Paul, Zach und ich sind bei unserem Gang durch die Stadt mit den Fahrrädern unter vielen Touristen, doch es ist auszuhalten, da wir ja nicht lange dort bleiben werden. Auf dem Meer vor der Stadt schippern sogar mittelalterliche Schiffe, wie die von Galleon Tirena, die Inselkreuzfahrten anbieten. Ich unterhalte mich mit einer Anbieterin dieser Ausflüge und sie nagelt mich fest, ihr Unternehmen auf meinem Blog zu erwähnen. Also: „Cruises with Galleon Tirena“ bietet wunderbare Touren zu den Elaphiten-Inseln vor der Stadt an. Die Tour dauert von 9:30 bis 17:30 und kostet 52 Euro. Die Unesco und der Bürgermeister von Dubrovnik, welcher bald nur noch wenige Tausend Besucher täglich in die Altstadt lassen möchte, werden euch bestimmt von einem Besuch Dubrovniks abraten.

Bleibe ich im Öko-Camp?

Am nächsten Tag erreichen wir bereits die Grenze zu Montenegro, kurz hinter der Grenze fahren wir zu einem Öko-Camp, welches mir von einer Couchsurferin, die ich vor meiner Abreise in Deutschland beherbergt hatte, empfohlen wurde. Sie sagte: „Das ist ein super-entspannter Platz, dort stehen Sofas im Garten, das Ehepaar, welches den Platz betreibt, ist Klasse und du kannst dort bestimmt ein paar Tage arbeiten. Dafür bekommst du Essen und kannst dort zelten.“ Von diesen Worten abgetrieben motiviere ich Zach und Paul mich zu begleiten. Ich würde also vielleicht aussteigen aus unserer Radreisegemeinschaft. Dort oben in den Bergen beim Camp Full Monte angekommen, finden wir im Nirgendwo der montenegrischen Pampa tatsächlich ein mit Sichtschutz abgeschirmten, großen Garten in dem Beete, Zelte und ein Haus stehen. Und die Sofas gibt es dort auch. Doch ansonsten ist der Platz gar nicht so Hippie-mäßig wie es klingt, eher umweltfreundlich-ressourcenschonend ist das Motto hier oben. Obwohl – die Freikörperkultur wird hier im Sommer schon gelebt, kriegen wir zu hören, schließlich muss Denise, die Gastgeberin sich erst ein Handtuch um schwingen, bevor sie uns hereinlässt. Wir nisten und für die Mittagszeit in der Küche ein und warten auf eine Rückmeldung des abwesenden Hausherren. Er ist gerade noch mit dem Auto in Kroatien, macht etwas mit Solarpenals. Ich habe mich nämlich nicht angemeldet, wie es sich für das Volunteer-Programm gehört, sondern will es spontan versuchen. In der Zwischenzeit kann ich mich mit anderen Stammgästen unterhalten. Eine Schwedin ist nämlich dort jedes Jahr und sie versteht mein Norwegisch ganz hervorragend. Die Sprachkenntnisse aus meinem elfmonatigen Freiwilligendienst in Skandinavien habe ich wohl doch nicht so schnell verloren, was mich sehr froh macht. Es macht wirklich extrem Spaß Norwegisch mit Annika zu sprechen und Zach ist ganz beeindruckt. Deutsch konnte er in seiner Zeit in Österreich nämlich gar nicht lernen, schließlich sprach dort jeder Englisch mit ihm. Nach einiger Zeit bekommt Denise einen Anruf von ihrem Mann, der mir erstens keine Arbeit geben kann und zweitens an der Montenegrisch-Kroatischen Grenze mit Solarpanels erwischt wurde, die er wohl versteuern hätte müssen. Denise wittert die Konsequenzen im Bereich von Hunderten von Euro und muss sich zu einem Lächeln auf dem Abschiedsfoto zwingen.

Wir sagen Ciao und weiter geht es zum größen See Montenegros, ganz im Südwesten des Landes: Die Passstraße nördlich des Nationalparks Lovcen steigt über etwa 16 km kontinuierlich bergauf, unzählige kleinere und gut klimatisierte Touristenbusse fahren an uns vorbei, während wir im Schatten des Berges den kleinsten Gang wählen und stundenlang in ihm verbleiben. Ich kann den Aufstieg genießen und rede viel mit Zach. Wir schauen zurück ins Tal, wo der größte Fjord Europas außerhalb von Skandinavien von Kreuzfahrtschiffen befahren wird. Irgendwann verhüllt Höhennebel die Sicht. Wir sind auf etwas über 800 Metern Höhe.

Dann endlich erreichen wir den See Skadarsko Jezero und erleben ihn als einen unglaublich lebendigen See, der vielen Tieren ein zu Hause bietet. Frösche, Fische, Vögel und Moskitos sind nur einige davon. Der Weg entlang des Sees, den wir uns gemütlich und flach vorgestellt haben, ist so nicht existent. Es gibt vielmehr einen Weg, der nur selten entlang des Sees führt und dabei viele Höhenmeter bietet. Er verbindet die Dörfer auf der Strecke. Doch wenn der See in Sichtweite ist, dann ist das Panorama gewaltig. In einer Kurve treffen wir auf eine Esel-Gang, die gerne unseren Apfelessen und ihren Kopf auf meinen Packtaschen abstützen. Der Tag endet nach dem Grenzübertritt in der albanischen Stadt Shkoeder, wo wir den Tag ausklingen lassen, indem wir uns über alle Arten von Streetfood hermachen. Montenegro bleibt mir als das Land in Erinnerung, in dessen Namen das Wort „Berg“ auf Latein vorhanden ist – und das nicht zu Unrecht. Es ergiebt hier einfach Sinn.

Verirrt in Albaniens Hauptstadt: Tirana

Nach anstrengenden 122 km in etwas über sechs Stunden erreichen Zach und ich am nächsten Tag Tirana. Paul hat uns gegen Ende des Tages verlassen, da er weiter an der Küste Richtung Griechenland fahren möchte. Über WhatsApp bleiben wir in Kontakt und bekommen regelmäßig Fotos von ihm zugesandt. Auf der Zeltplatzsuche kommen wir ins Gespräch mit einer Frau mittleren Alters. Sie hält in der einen Hand eine Tüte mit Kuhscheiße, in der anderen ein paar selbst gesammelte Kräuter. Victoria ist Albanerin, spricht Deutsch, wohnt sogar in Deutschland (Rostock) und ist gerade dabei Pläne über ihre Zukunft zu schmieden. Sie spielt mit dem Gedanken, die Appartements, welche sie im Nachbarhaus vermietet, in ein Hostel zu verwandeln. Alle diese Wohnungen sind im Besitz von ihr und ihrer Geschwister. Sie hat eine Passion fürs Putzen, womit sie in Deutschland ein wenig Geld verdient, doch sie sucht eine neue Herausforderung. Doch noch ist sie noch nicht ganz entschlossen und muss für eine endgültige Entscheidung wohl noch abwarten. In Victorias Wohnung bekommen wir ein Doppelbett zugewiesen und bleiben dann sogar zwei Nächte. Es macht Spaß ihre Gäste zu sein und Victoria sagt: „Ich muss mich als Gastgeber üben, wenn ich ein Hostel eröffnen möchte. Ihr seid jetzt meine Testpersonen“. Sie sagt sogar, dass sie sich schämt, dass sie uns am ersten Abend kein Essen zubereiten konnte, da es sich in ihrem Land so gehöre. Dafür bemüht sie sich am nächsten Morgen beim Frühstück sehr. Die Stunden vergehen schnell und abends gehen Zach und ich alleine mit den unbeladenen Rädern in die Stadt. Zach möchte skaten gehen und wir trinken ein Bier. Nach nur einer Flasche machen wir uns auf den Rückweg – in die falsche Richtung. Wo wohnt Victoria noch mal? Welche Gebäude haben wir auf dem Hinweg gesehen? Wir haben uns verirrt. Und wir haben ihre Adresse nicht. In Tirana. Albaniens Hauptstadt. Es wird dunkel. Wir könnten uns jetzt streiten oder die Nerven verlieren. Wahrscheinlich bin ich zu müde für so etwas. Und ich vertraue auf Zach. Doch wir fahren weiterhin in die falsche Richtung. Wir kehren um und erkennen Geschäfte wieder. Ja, hier waren wir schon ein paar Mal innerhalb der letzten Stunden. Okay – Zach rettet uns und wir stehen viel später als gewollt und verschwitzt in Victorias Küche. Sie kocht Weinblätter und füllt sie mit Reis. Unser Mahl für diesen Abend – etwa um Mitternacht.

Drei-Tage-Sprint ins 400 Kilometer entfernte Thessaloniki

Die nächsten Tage verlassen wir Albanien und betreten Mazedonien. Wir kommen am fischreichen Ohrid-See vorbei und übernachten wieder bei einem Skatepark. Die Tage sind von vielen Höhenmetern geprägt, Anstiege bis auf 1000 Meter über Meeresspiegel. Mazedonien verlassen wir nach etwa 24 Stunden wieder, da wir das Land nur an einer Ecke streifen. Und Hoppala, schon befinden wir uns in Griechenland und sind Gegenwind ausgesetzt. Die Straßen scheinen wieder besser zu werden. Ob das daran liegt, dass die Griechen Mitglied in der EU sind, frage ich mich? Wir übernachten auf dem Grund einer Kirche. Die Polizei gibt uns die Erlaubnis dazu, der Priester, dem wir nicht abnehmen der Priester zu sein, willigt später auch ein. Am folgenden Tag erreichen wir die zweitgrößte Stadt Griechenlands mit etwa 300.000 Einwohnern: Thessaloniki. Einhundertzweiundvierzig Kilometer fahren wir dafür an einem Tag, was für eine Qual. Schon lange kündigt sich die Stadt mit etwa einer Million Menschen im Großraum durch seine Randbereiche an. Wie wird es wohl erst in Istanbul werden? Doch wir haben kaum Zeit zum Nachdenken, wir müssen jetzt unseren Gastgeber finden. Es stört uns, dass er so lange seine Adresse nicht herausrückt. Doch wir bekommen sie und haben eine erholsame Nacht. Ich bin froh, dass Zach seinen Wecker verschläft und nicht auf ein frühes Aufbrechen drängt, sondern bis acht Uhr dreißig schläft. In unserem Fall, da wir versuchen die Mittagssonne beim Radfahren zu vermeiden, ist es heute schon spät. Zu spät, stellen wir fest und verbringen Zeit in der Großstadt bis zum späten Nachmittag, bis wir weiterfahren. Die neue Etappe ist Thessaloniki – Istanbul: 650 Kilometer. Nach einem großen Anstieg und einer rasanten Abfahrt befinden wir uns bald im griechischen Hinterland. Wir begegnen Hundewelpen, Menschen die kein Englisch sprechen und kaufen im Dorfladen ein, der griechische Pasta in der Form von Reis verkauft. Als wir dann mit Theo, dem Fernsehreparateur der Gegend ins Gespräch kommen, werden wir auf eine Spritztour eingeladen…

Jetzt mal langsam …

Gefühlt habe ich den Balkan jetzt hinter mir gelassen. Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Albanien, Mazedonien und bald auch Griechenland sind Geschichte auf meiner Fahrradfernreise. Welchen Eindruck habe ich gewonnen? (Ich habe nur einen kleinen Teil jedes Landes gesehen.) Kroatien schien mir sehr auf den Tourismus zugeschnitten und die Menschen konnten meist Englisch sprechen. Die Inseln waren reich an Steinen und arm an Schatten. Die Straßen sind gut und in der Vorsaison noch nicht zu voll. Die Preise sind ähnlich wie in Deutschland.

Montenegro war wie bereits erwähnt sehr steigungsreich. Es wurde uns als absolutes Wander-Land empfohlen. Es ist geprägt von vielen bewaldeten Bergen, etwas spitzer und an den Gipfeln baumloser als in Slowenien. Das Land scheint auch nur sehr wenig dicht bevölkert. In Albanien scheinen die Dinge ein bisschen anders zu laufen. Mir ist aufgefallen, wie häufig uns die Menschen gegrüßt haben und wie unterschiedlich ausgebaut die Straßen sind. Nicht, dass alle Straßen schlecht waren, doch Schlaglöcher aller Größen schienen hier normal zu sein. Einige Nebenstraßen waren hier nicht asphaltiert, sondern eher Buckelpisten, auf denen sich schlecht Strecke machen ließ. Die Preise sind deutlich niedriger als in Kroatien, ein Bürger ist im Restaurant für umgerechnet 1,50 Euro, Eiscreme für 30 Cent zu haben. Vieles also dreimal günstiger als in Deutschland. Die Straßenhunde schienen im Balkan nicht gefährlich, sondern eher bemitleidenswert. Sie liegen manchmal Mitten auf der Straße oder nebenbei im Schatten. Für einen Sprint hinter dem Fahrrad scheinen sie die Kraft und wertvolle Energie nicht aufwenden zu wollen. Es gibt sicher Ausnahmen und gerade die kleineren Kläffer laufen schon gerne mal hinter dem Fahrrad her, doch in die Ferse beißen wollen sie nicht. Am meisten Schreck jagten mir dann doch die Hunde ein, die glücklicherweise von einem Zaun auf dem Grundstück des Besitzers gehalten wurden. Sie schienen anders als die Straßenhunde gut gefüttert, ausgeruht und daher zu jeder Aktion bereit.

Der Balkan zeigt sich weiter östlich, im Bereich von Serbien und Bulgarien bestimmt weniger touristisch und auch sonst von einer anderen Seite. Zeitgleich mit mir hat Lewin diese Länder mit dem Rad befahren. Er ist wie ich im Mai auf Radreise gestartet, auf dem Weg nach Indien und ich tausche mich manchmal mit ihm über seine Erfahrungen aus. Ich möchte euch hier seinen Blog empfehlen!

Kommentare

  1. Lewin John

    Hallo Hannes,
    du hast ja wirklich ordentlich an Tempo zugelegt mit deinen Begleitern. Wärst du eine gute Woche später dran wären wir uns wohl in Thessaloniki begegnet. Dann wohl vielleicht doch in Georgien 😉 Weiterhin Gute Fahrt. Deine Berichte sind wie immer super unterhaltsam! Und danke fürs erwähnen meines Blogs 🙂

    1. Autor
      des Beitrages
      HannesPeter

      Hey Lewin, ja unglaublich wie wir da durchgefahren sind. Es hat einfach gepasst. Jetzt an der Schwarzmeerküste gerade geht es nicht so vorran, wegen den Steigungen, was aber auch voll in Ordnung ist. Ja Georgien hatte ich ja von Anfang an gesagt, haha. Ne ist ja offen, kann auch davor sein;) Super! Gerne!

  2. Alfred Härtl

    Ich freue mich , dass es dir gut geht und du noch immer gesund bist !
    Deine Berichte sind toll und wahnsinnig aufwendig .
    Auf deine nächsten Nachrichten freue ich mich schon jetzt !

    Bleib weiter gesund und alles Gute weiterhin – bis auf bald
    Gruß aus Ingolstadt
    Fredi

    1. Autor
      des Beitrages
      HannesPeter

      Cool, dass du sie als aufwendig bezeichnest, so fühlt es sich auch an. Schließlich habe ich neben dem Essen, Schlafen und Radfahren nicht so viel Zeit. LG von der Schwarzmeerküste!

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