Taksim, Galata und rauchende Maronenstände: Ich erreiche Istanbul

Aktuelle Statistik (Stand: 5.07.2018)
Tage unterwegs: 62
Pausen-Tage: 9 und zwei Halbe
Gefahrene Kilometer: 4226
bereiste Länder: Deutschland, Österreich, Italien, Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Albanien, Mazedonien, Griechenland, Türkei
Platten: 0
Wegen vergessenen Dingen umgedreht: 1 Mal

Theo und seine Hupe

Etwa 50 Kilometer nach Thessaloniki, der zweitgrößten Stadt Griechenlands treffen wir in einem Dorf auf Theo, der uns zum Übernachten zu sich auf die Terrasse einlädt. Doch bevor wir und häuslich einrichten, bittet Theo uns, in seinen Opel einzusteigen. Das Gefährt hat 700.000 Kilometer auf der Uhr, sieht noch Klasse aus, nur die Schnalle für den Sicherheitsgurt finde ich nicht. Da Theo nicht gerade langsam fährt, er links und rechts den Nachbarn mit der Hupe „Guten Tag“ sagt und die griechische Straße schmal ist, hätte ich diesen schon gerne angelegt. Theo hat sich uns als pensionierter Fernseh-Reparateur vorgestellt. Drei Dörfer weiter halten wir an einem Haus, Theo stellt uns den Personen auf der Terrasse vor, verschwindet selbst aber im Inneren. Uns wird klar, Theo hat uns gerade auf eine Service-Tour mitgenommen. Während Theo etwa eine halbe Stunde im Haus bleibt, haben wir die Chance unser Neugriechisch mit den Einheimischen zu proben und bekommen dazu Gebäck gereicht. Zach und ich feiern unser Glück und hoffen, dass Theos Frau Niki uns nach unserer Rückkehr noch ein richtiges Abendessen auftischt. Die Rücktour ist wieder ganz „alla Theo“. Theo scheint jeden in der Umgebung zu kennen. Er ist voller Lebensfreude, bremst kurz ab, hupt mit seiner Sirenen-Hupe und ruft “Kali Spera” zu den Menschen auf der Straße. Einer Frau am Straßenrand pfeift er hinterher. Wieder an seinem Haus angelangt, duftet es schon nach etwas Gebackenem. Es gibt tatsächlich noch aufgebackene Frischkäsetaschen von Lidl, wie Niki während dem Essen berichtet, zu essen und später wunderbar aromatische Wassermelone, bis unsere Bäuche melonenrund sind.

Die Hölle im Paradies

Am nächsten Tag kommen wir an der Küste gut voran, werden einmal vom Starkregen überrascht, doch erreichen unser Ziel: Die warmen Quellen. “The hot springs.” Nicht weit von der Hauptstraße befinden sich heruntergekommene Hotelanlagen und zwischen ihnen ein Fluss. Von den Seiten fließen Bäche in den Fluss. Das Besondere ist, dass die Bäche heißes Wasser aus dem Erdinneren zum Bach führen und die menschengemachten Steinbecken so angenehm heiß-warm sind. Wir genießen es unsere Körper zu entspannen, doch so richtig warm werden kann ich mit diesem Ort dennoch nicht. Mir fehlt die Hygiene, da überall Hundekot von den streunenden Hunden herumliegt. In welchem der vielen dreckigen Räume wir übernachten werden, ist auch noch nicht geklärt. Als ich nach dem Bad meine Schuhe anziehen möchte, sind diese verschwunden. Ich suche das Gelände ab, frage Passanten und beginne mit einer Hippie-Dame eine Suchaktion. Mir wird klar, wie sehr ich von meinen Klickpedalschuhen abhängig bin. Sie sind eine wichtige Verbindung zwischen mir und meinem Fahrrad. Ebenso wichtig wie Sattel und Lenker. Mein anderes Paar Schuhe, die Leguano-Barfußschuhe sind nicht zum Radfahren geeignet. Wo sollte ich mir neue Schuhe besorgen? Dann wohl erst im 500 Kilometer entfernten Istanbul. Ein Scheiß. Die unterschiedlichsten Szenarien fallen mir ein. Die fremden Deutschen, die an den Strand gefahren sind, hätten meine Schuhe für ihre halten können. Auch Hunde könnten die Schuhe entführt haben. Jemand hätte sie klauen können, um damit Geld zu machen.

Die Räume des verlassenen Blocks sind nebeneinander angeordnet und die Türen offen oder mit Tüchern verhangen. Ich schaue nun auch in den Raum mit der verhangenen Tür. Vorher hatte ich mich nicht getraut, da dieser Raum ja privat sein könnte. Und was sehe ich dort? Natürlich war ich mal wieder verplant genug, meine Schuhe genau dort wiederzufinden, wo ich sie auch ausgezogen hatte. Ich hatte sie nicht verloren, sondern nur in dem Raum ausgezogen, in dem in der hinteren Ecke das Plumps-Klo steht und daher die Tür meistens verhangen ist. Der Abend und die Weiterfahrt sind gerettet und der Abend ist vorbei.
Der nächste Tag ist wieder heiß, jenseits von 35 Grad und die Schlafplatzsuche führt uns zur Polizei. Wir wollen uns die Genehmigung holen, auf dem Grund der katholischen Kirche gegenüber der Polizeistation zu zelten. Die Polizisten sind freundlich, raten uns aber von der Idee ab. „Die gypsies aus der Umgebung sind orthodox gläubig und werden euch bestimmt davonscheuchen, wenn ihr auf dem Rasen der Kirche übernachtet. Sie stehlen auch viel. Passt auf eure Sachen auf. Ihr könnt dort drüben unter dem Baum schlafen. Wir besetzen die Polizeiwache die ganze Nacht. Wenn ihr Probleme habt, meldet euch.“ Er bitte mich um meine Personalien, nimmt diese penibel auf, während ein weiterer Mann ins Büro kommt. Ich werde vom zweiten Polizisten leise angesprochen: „Merk dir sein Gesicht! Die Anderen, die hier Probleme machen, die sehen alle so aus.“ Er bittet mich also, mir das typische gypsie-Gesicht einzuprägen. Ich finde die Sache komisch und kann die Situation nicht wirklich einschätzen. Mein Wissen über Sinti und Roma hält sich stark in Grenzen. Ich merke aber, wie ich den Menschen auf der Straße nun misstrauischer begegne, obwohl sie uns weiterhin freundlich bei der Schlafplatzsuche helfen wollen. Unter dem Baum bei der Polizeiwache wollen wir doch nicht übernachten und landen nach weiteren Kilometern auf einem Stoppelfeld. Ich fühle mich wohl, Sonnenuntergang inklusive.

Einmal kehre ich gerade von der Toilette eines Eiskaffees zurück, da sagt Zach sehr bestimmt zu mir: „We gotta go now!“ und schwingt sich aufs Rad. Ich bin verwirrt, da er ja gerade noch ein Eis bestellt hatte. Doch erst einmal möchte er das Café wohl schnell hinter sich lassen und beantwortet keine Frage. Nach der nächsten Straßenecke klärt er mich dann auf, dass er eine Meinungsverschiedenheit mit dem Cafebesitzer hatte und dieser die Polizei gerufen hat. Zach wollte nämlich den einen Euro zusätzlich für den W-LAN-Code nicht zahlen, der fällig wird, wenn etwas günstiger und to go gekauft wird. Ich befinde mich zum ersten Mal auf der Flucht vor der griechischen Polizei. Wir fahren Zickzack im Straßenmuster und erst dann wieder auf die Hauptstraße. Kurz darauf überholt uns ein Polizeiauto und ordnet sich in einiger Entfernung vor uns auf dem Seitenstreifen ein. Es bremst ab. Dabei hatte ich schon lange gedacht, wir wären aus der Situation, die keine Situation sein sollte heraus. Der Streifenwagen beschleunigt wieder und der Abstand vergrößert sich bis wir ihn nicht mehr sehen. Der Spuck hat ein offenes Ende. Vielleicht hat der Cafebesitzer geblufft, wahrscheinlich wäre es den Beamten auch zu doof gewesen den Fall aufzunehmen.

Die Tage in Griechenland sind brüllend heiß und doch habe ich das Gefühl, dass ich mir, sollte ich den Iran Ende August erreichen, diese Temperaturen zurückwünschen werde. Das Gebiet wird mit großen landwirtschaftlichen Wassersprengern feucht gehalten. Wir strampeln parallel zur Hauptstraße auf einer Straße Richtung Mittelmeerküste. Lange war die Strecke in Griechenland eher flach, jetzt zum Ende wird es wieder steigungsreicher. Plötzlich werde ich von einem Reiseradler überholt. Ich hatte eine solche Begegnung nicht erwartet, hatten wir doch schon seit Tagen keine anderen Radreisenden zu Gesicht bekommen. Mike ist Pole und hat einen in Deutschland wohnenden Polen im Schlepptau. Lukas spricht Deutsch und ist auf Rad-Weltreise und teilt seine Erfahrungen auf diesem Blog. Mike scheint nur für wenige Wochen Urlaub zu machen, aber auch eingefleischter Radreisender zu sein. Die beiden haben sich über das Internet zum gemeinsamen Fahren verabredet. Ich finde es spannend, dass sie sich seit Deutschland bereits zweimal getrennt haben, da jeder einer eigenen Route folgen wollte.

Wir vier campen gemeinsam am Strand, trennen uns aber schon am nächsten Morgen, als Zach und ich früher losfahren. Die beiden fahren für unseren Geschmack zu langsam. Lukas sagt mehrmals: „Ich brauche mich nicht beeilen, ich habe meinen Job gekündigt und muss mich nicht stressen. Ich weiß nicht einmal, ob ich wieder nach Deutschland zurückkehre. Mein nächstes Ziel ist es, auf den Philippinen eine Hütte zu errichten und in der Hängematte zu liegen.“ Lukas fährt täglich fünfzig bis siebzig Kilometer. Momentan hat er Probleme mit seinen Knien und muss überlegen noch mehr Pausen zu machen. Als ich mit ihm sein Fahrrad tausche, merke ich, wie aufrecht seine Sitzposition ist. Dabei ist meine Haltung schon sehr vertikal, wenn ich sie mit der sportlichen, waagerechten von Zach vergleiche. Zachs Rad hat einen Rennradlenker, weswegen er recht tief mit dem Oberkörper liegt. Je tiefer der Lenker und je waagerechter der Oberkörper, desto windschnittiger ist man. Doch auch das Gewicht auf den Handgelenken nimmt zu und der Kopf muss in den Nacken genommen werden, um nach vorne zu sehen. Das kann zu Nackenschmerzen führen. Doch wen ich auch frage, Lukas und Zach lieben ihre Räder und auch ich möchte mit keinem von ihnen tauschen. Davon abgesehen, dass ich viel zu groß wäre.

Asphalt-Wahnsinn in der Türkei

Nachdem wir uns von Lukas und Zach trennen, fahren auch Zach und ich bald getrennte Wege nach Istanbul. Wir verabreden uns, um in der Metropole eine Nacht feiern zu gehen und betrunken zu werden. Als sich die türkische Grenze nähert, werde ich etwas nervös. Nervöser als bei anderen Grenzübertitten. Vielleicht liegt es daran, dass ich wieder alleine unterwegs bin. Vielleicht, weil die Türkei ein so großes Land ist und ich viel Zeit hier verbringen werde. Was, wenn es mir nicht gefällt? Kann mir ein ganzes Land nicht gefallen? Nach meinen Informationen sollte ich an der Grenze nicht einmal meinen Reisepass benötigen. Ich behalte Recht, mein Personalausweis reicht und der Grenzbeamte winkt mich vorbei. Nachdem ich das weitläufige Grenzgebiet durchdrungen habe, befinde ich mich auch schon auf türkischen Straßen. Schwarzer Asphalt, breit und gerade, rollt sich vor mir aus wie ein langer Teppich über weiten Bergen. Hat hier jemand versucht die gute, alte deutsche Autobahn zu kopieren? An dieser Stelle hätte auch eine einspurige Straße gereicht. Stattdessen wurde hier wohl erst vor kurzem eine Landstraße mit zwei Spuren je Richtung, einem breiten Seitenstreifen und einem schrägen Graben in der Mitte fertiggestellt. Auf der Karte ist die Straße für zwanzig Kilometer so gerade wie mit dem Lineal gezeichnet. In Wirklichkeit ist sie auch gerade, nur dass es immer wieder anstrengend auf und ab geht. Für lange Zeit und langsam hinauf und schnell hinab. Wann kommt an dieser viel zu breiten Straße mit den wenigen Autos die nächste Ortschaft? Ich habe keine Lust zu hungern oder zu dursten. Eine größere Siedlung auf meiner rechten Seite gewinnt meine Aufmerksamkeit und ich fahre ins Ortszentrum. Lautsprecherdurchsagen hallen durch die heißen und staubigen, aber menschenleeren Straßen. Kinder führen mich zum Restaurant. Dort an den Geschäften sitzen Männer. Alle schauen mich an, ja es fühlt sich wie anstarren an. Was wird er machen? Wo kommt er her, fragen sie sich wohl. Und muss ich mich von jetzt an, an dieses Angestarrt werden gewöhnen müssen? Es scheint mir so. Jetzt sollte ich eine Entscheidung treffen und mit jemandem ins Gespräch kommen, um mich nicht wie ein Alien zu fühlen. Noch kann ich kein Wort Türkisch; ich hatte noch keine Zeit dem Sprachführer, den ich mir in Istanbul gekauft habe, Zeit zu widmen. Doch um ein Gericht zu bestellen und meine Route auf der Karte zu zeigen, braucht es auch keine Worte. Und siehe da, die Männer haben größtes Interesse an mir, sind freundlich und ich werde zu meinem ersten Chai (Cay) eingeladen. Bald finde ich heraus, dass die Kopfbewegung für ein „Nein“ ein hochziehen der Augenbrauen ist, dabei wird der Kopf entgegengesetzt zu unserem „Nicken“, nach oben bewegt. Es schaut bei manchen Männern wie eine Drohgebärde aus. Nachdem alle Männer in meiner Umgebung verstanden haben, woher ich komme und wohin ich gehe, verlasse ich den Ort wieder auf der staubigen, gepflasterten Straße. Meine erste Berührung mit einer türkischen Siedlung: Verzerrte Gebetsgesänge aus Lautsprechern, Menschen sitzen vor den Teestuben, schlechte Straßen und nicht fertiggestellte Häuser, gastfreundlicher und interessierter Umgang.

Vorzeitiges Wiedersehen mit meinem „Ex“

Bereits 48h nach unserer spontanen Trennung in Griechenland holt mich Zach wieder ein. Ich bin gerade erst drei Minuten auf dem Sattel und von meinen Gastgebern in Marmara Ereglisi aufgebrochen, da überholt mich der strahlende Amerikaner. Großes Glück für mich denn Zach hat über Warmshowers einen Gastgeber im Stadtrand von Istanbul gefunden. Ich habe noch keine Bleibe für die Nacht und darf zum Glück mit Zach mitkommen. Wir nähern uns Istanbuls Agglomerationsraum. In der Liste der größten Agglomerationen liegt Istanbul mit 14,6 Millionen Einwohnern auf Platz 23 und somit hinter Moskau (17,1 Mio.) und vor London (14,5 Mio.). Einfach Gigantisch. Die Grenzen zur Stadt verschwimmen mit anderen Städten. Vier- bis sechsspurige Straßen führen in die Stadt. Es existieren allein zwei Spuren nur für Busse. Bereits zwanzig Kilometer vor dem Zentrum gehören die Stadtteile bereits zu Istanbul.

Wie ist eigentlich??? Die Fahrt in die Verkehrshölle Istanbul

Die Fahrt nach Istanbul hinein wird in Radreiseforen häufig als schrecklich und gefährlich beschrieben. Auch ich wurde schon lange Zeit vor Istanbul vor den schlechten Verkehrsmanieren der Istanbuler gewarnt. Tatsächlich scheinen höfliche Vorfahrtgesten hier nicht zu existieren. Jede Lücke im Autoverkehr wird rücksichtslos ausgenutzt. Erstmal beschleunigen und dann schauen was passiert. Irgendjemand wird schon bremsen. Keine Lücke ist zu klein. Es gilt das Recht des Stärkeren. Dies scheinen die Istanbuler Maximen der Straße zu sein. Und doch: Als Radfahrer habe ich mich nicht besonders gefährdet gefühlt und konnte die Herausforderung annehmen. Im schnellen Verkehr überholen manche Autos zu eng, obwohl auch wir in den Abfahrten über 50 Kilometer pro Stunde fahren. Im stockenden Verkehr können wir unseren Trumpf, unsere geringe Breite ausspielen und zwischen den Autos hindurchfahren. Genau wie die vielen Pizzalieferanten auf den Rollern. Das macht wirklich Spaß und auch ich werde ein Verkehrsarschloch. Ich muss mich einfach in Lücken drängen, bestimmt die Spur wechseln und selbstbewusst Platz auf der Spur einnehmen, ansonsten komme ich nicht dorthin, wo ich möchte. Die Fahrt nach Istanbul mit dem Fahrrad ist für mich kein Verkehrs-Horror. An einem Stück würde ich sie dennoch nicht machen. Wenn man von Westen kommt, bietet es sich an etwa 15 km vor dem Zentrum eine Unterkunft zu haben und am nächsten Tag den Rest der Strecke (an der Küste, auf den Radwegen) ins Zentrum zu fahren. Das Verlassen Istanbuls in nord- östlicher Richtung ist unproblematisch. Da die Brücken für Radfahrer nicht zu befahren sind, muss auf die günstigen Bosporus-Fähren zurückgegriffen werden, die einen schnell auf die asiatische Stadtseite wechseln lassen. Dahinter kommen dann bald immer ruhigere Straßen. Also: Keine Angst vor dem Verlassen der Stadt, Bitte!

Zach und ich haben glücklicherweise unseren Warmshowers-Gastgeber etwa 25 km vom Zentrum entfernt. Er wohnt im Stadtteil Avcilar. Faruk und seine Familie wohnen hier in einer kleinen, sauberen Wohnung im ersten Stock. Da an diesem Tag der Ramadan endet und das Zuckerfest beginnt, dürfen gläubige Muslime ab diesem Tag auch wieder zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang essen und trinken. Faruks Familie lässt uns daher an ihrem besonders reichhaltigen Abendessen teilhaben. Bestandteile sind Reis, Hackfleisch, Auberginen, Salat, Paprika, Feta und Brot. Das Frühstück am nächsten Tag ist genauso typisch türkisch: Faruk geht mit uns weniger Meter vor die Haustür und wir essen verschiedene Arten Börek. Dünne Teigschichten werden hierbei mit Kartoffeln, Käse oder Hackfleisch gefüllt, eine andere Sorte mit Puderzucker bestreut. Als Gastgeschenk kaufen Zach und ich eine typische Süßspeise, die wir lieben lernen werden: Künefe. Fein geraspelter Gouda-Käse wird hierfür in Butter über einer Gasflamme gebraten und später mit Zuckerwasser angegossen und mit Pistazien dekoriert. Als wir bei Faruk mit der großen Portion Künefe im flachen Karton auftauchen, freut er sich, führt uns in seine Küche und deutet auf den ungebackenen Künefe, welchen er für uns frisch am Abend zubereiten wollte. Das ist jetzt nicht mehr nötig. Nach zwei Nächten bei diesen wunderbaren Gastgebern, die uns auch beim letzten Frühstück noch kulinarisch verwöhnen, machen wir uns auf. Da es stark geregnet hat, fährt Faruk uns mitsamt unseren Fahrrädern und Gepäck zu unserer nächsten Gastgeberin. Immer noch 10 Kilometer vom Zentrum entfernt wohnt Sinam im dritten Stock. Mit ihr erkunden wir das erste Mal den jederzeit bevölkerten Taksimplatz. Einerseits ist er der Ort, an dem ab 1723 die Wasserleitungen ankamen und mit seiner traditionellen Bahnlinie ist er ein absolutes Postkartenmotiv. Andererseits waren der Taksim und der angrenzende Gezipark ab April 2013 auch Austragungsort blutiger Proteste gegen das Erdoganregime. Wochenlang kam es zu Protesten und die Polizei setzte sich mit äußerster Brutalität gegen die Demonstranten durch. Da Tränengas, Wasserwerfer und Gummigeschosse seitens der Polizei sowie Steine und Flaschen seitens der Demonstranten im Einsatz waren, war von bürgerkriegsähnlichen Zuständen die Rede. Sinam erzählt, dass sie damals auch demonstriert hat und flüchten musste. Und doch ist dieser Ort für sie kein Ort des Schreckens, sondern ein positiver Platz.

Die nächsten Tage in Istanbul wären so nicht planbar gewesen. Zufälle, Glück und ein bisschen Pech wechseln sich ab und das alte Konstantinopel vermischt uns mit den tausenden jungen Menschen dieser Stadt. Abende verbringen wir häufig in einer Bar. Für meine Verhältnisse lernen wir unglaublich schnell neue Leute kennen, mit denen wir die Abende verbringen. Wir verfolgen die Fußballweltmeisterschaft. Schade, dass die Türkei nicht an der WM teilnimmt. Ich hätte gerne das Verkehrschaos vor einem Spiel mit türkischer Beteiligung gesehen und wie der Verkehr während dessen zum Erliegen kommt. Doch nach einem gescheiterten Wild-Camp-Versuch in der Stadt, mieten wir uns im Hostel ein. Das Hostel am Galata Tower wird mein neues Zuhause. Zach, mein treuer Gefährte seit der kroatischen Küste macht sich ein Tag früher auf in Richtung Schwarzes Meer. Ein ganz anders Lebensgefühl macht sich breit mit meinem festen Wohnsitz. Am Abend profitiere ich noch von den Kontakten, die ich zusammen mit Zach in Istanbul geknüpft habe und besuche wieder dieselbe Bar, in der ich mit dem Barkeeper nun Freundschaft geschlossen habe. Es bietet sich mir die Möglichkeit ganz ohne Gepäck und doch mit Fahrrad die Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Ich schaue mir die Hagia Sophia und die blaue Moschee an. Beide werden leider gerade renoviert. Gerade als ich auf Hagia Sophia zusteuere, beginnt das Mittagsgebet und es schallen die Gesänge der Imame von den Minaretten. Beeindruckend klingt es, da die Lautsprecher hier anders als in vielen Dörfern keinen allzu verzerrten Klang abliefern und die beiden Hauptmoscheen im Wechsel singen. Ich kann mir gut vorstellen wie der ein oder andere in diesen Klängen etwas Göttliches hört. Für mich geht es weiter ins türkische Bad, genannt Hamam. Die Sauna, das gewaschen werden und die Massage im türkischen Bad sind jeden Euro wert. Am letzten Abend bleibe ich im Hostel und schaue mit den anderen Reisenden Fußball auf einem Laptopbildschirm an. Ich bereite mich emotional darauf vor, die Stadt zu verlassen, doch leicht ist das nicht. Istanbul hat mich be-eindruckt. Ja, es hat viele Eindrücke hinterlassen. Einiges habe ich nicht gesehen in diesen fünf Tagen und sechs Nächten. Ich kann es nicht versprechen, doch ich nehme mir vor diese Stadt wieder zu besuchen, vielleicht ja zum Jobben in den Semesterferien.

Das Verlassen Istanbuls ist zwar emotional nicht einfach, doch sonst gestaltet es sich leicht. Nach etwa 40 Kilometern kommt ein Meer in Sicht, welches ich zum ersten Mal sehe: das Schwarze Meer. Nun wird sich zeigen, ob die Schwarzmeerküste wirklich so unglaublich grün, schön und von den Temperaturen mild ist, wie es mir schon von einem Türken in München und später von Weiteren in der Türkei angekündigt wurde. Ich habe gleich mit starken Steigungen und schlechten Straßen zu kämpfen. Somit ist der Tag nach 68 Kilometern vorbei und ich übernachte auf einem Spielplatz in einem kleinen Dorf. Ein Straßenhund möchte einfach nicht von mir weichen und ich vertreibe ihn mit einem hohen Pfeifton vom Handy. Die App ist jetzt für den Ernstfall getestet. Zwischen den Müllsäcken am Rande des Spielplatzes grast eine Kuh. Kurios.
Dank meiner großen Fünfliterflasche kann ich eine kurze Dusche nehmen. Eine Deutsch-Türkin lässt ihren Mann zu mir kommen und er gibt mir etwas zu essen und meint zu mir, da ich nur in Unterhose rumlaufe: „Zieh dir besser eine Hose an, unsere Frauen mögen das nicht so gerne.“ Nach unserem längeren Gespräch gehe ich ins Zelt und schlafe wie immer schnell ein.

Die folgenden Tage an der Schwarzmeerküste sind geprägt von starken Steigungen, sodass ich einen kleineren Gang vermisse und bald das erste Mal meine Bremsbeläge austauschen werde. Es ist Samstag und ich habe drei Wünsche für diesen Abend. Ich möchte das Spiel Deutschland-Schweden schauen. Ich würde gerne duschen. Und eine Nacht in einem Haus wünsche ich mir auch. Im Moment bin ich aber noch 15 Kilometer von der nächsten größeren Siedlung entfernt. Mit Händen und Füßen frage ich den Besitzer vom Restaurant an der Straße: „Zeigt ihr das Fußballspiel heute Abend?“ Als Antwort bekommen ich einen angehobenen Kopf und hochgezogene Augenbrauen. Weiter geht es also. Ob das Schicksal es gut mit mir meint und mir diese drei Wünsche erfüllt? Ich weiß es selber noch nicht…

Kommentare

  1. Claudia Gruner

    Hallo Hannes!
    Immer wieder sehr interessant deine Reiseberichte zu lesen. Vielleicht kannst du dich noch an mich erinnern. Wir trafen uns im Mai bei Füssen im leeren Forggensee.
    Toll was du alles erlebst.
    Wünsche dir weiterhin gute Fahrt, bleib gesund!
    LG von Claudia

    1. Autor
      des Beitrages
      HannesPeter

      Hallo Claudia, klar ich kann mich noch an euch erinnern. War ja auch ein beeindruckender Ort. Außerdem bin ich meine Barfußschuhe das erste Mal gelaufen und ihr wolltet mich gar nicht mehr loslassen:) Freut mich sehr, dass du jetzt kommentierst;) LG aus Erzurum, Türkei Hannes

  2. Horst

    Hab erst gestern begonnen deine Blogs zu lesen. Siehe auch gestrigen Kommentar – Reise nach Venedig. Bin begeistert über deine geschilderten Erlebnisse. ‘Der Mensch wird im Laufe seines Lebens von dem geformt, was ihn umgibt und auf ihn wirkt. ‘ Wünschen dir viele positive Erfahrungen und alles Gute auf deiner Reise. Sind in Gedanken dabei und lesen nun deine weiteren Schilderungen voller Erwartung.
    Die älteren Radreisenden von Treviso
    Horst & Elfriede

  3. Lukas

    Hi Hannes,

    der Verkehr ist für uns Deutsche ein wenig gewöhnungsbedürftig in İstanbul. Aber eine wunderschöne Stadt, genau wie du sie auch erleben konntest.

    Wir sind noch ca. drei Tage von Pamukale entfernt.

    Gruß und weiterhin gute Fahrt!

    Lukas

    1. Autor
      des Beitrages
      HannesPeter

      Hey Lukas, achja ihr fahrt ja von Istanbul Richtung Süden. Vielleicht auch besser so, die ersten 400km Schwarzmeerküste nach Istanbul sind sehr steigungsintensiv und der Schwung aus der Abfahrt lässt sich selten gut nutzen. Trinkt ihr eigentlich immer das Leitungswasser? Ich bis jetzt schon, doch jetzt habe ich Magen-Darm. Ich weiß nicht, ob eine Verbindung besteht…?
      Gute Fahrt euch weiterhin! Beeindruckend wie viel Zeit du wohl für deinen Blog investierst – oder du bist sehr effektiv!? LG Hannes aus Bayburt

      1. Lukas

        Hi, der Süden ist wunderschön. Aber wir waren mal eben drei mal auf mind. 1400 m. Es ist also überall so. Wasser trinken wir nur aus den Wasserhähnen. Vielleicht hast du einen falschen erwischt. Wirst du auch permanent zum Çay eingeladen? Die Türken sind unglaublich nett.
        Gruß aus Ölüdeniz!
        Lukas

        1. Autor
          des Beitrages
          HannesPeter

          Ja Lukas, ich freue mich auch unglaublich schnell in Kontakt zu kommen und mich mal eben auf einen Cay hinzusetzen. Okay, ja neunzig Prozent der Türkei sind Gebirge, da ist nicht viel mit flach…Danke und Grüße zurück, immer noch aus Bayburt, morgen soll es weitergehen…Hannes

  4. Maria 70

    Hallo Hannes, Du hast nun schon viel erlebt, bist viele Kilometer geradelt. In Istanbul war ich auch schon, während einer Kultur-Reise 1990. Auch ich dachte damals: Dort will ich wieder hin. Ich wünsche Dir weiter Glück und Erfolg bei Deiner Tour.
    Gestern besuchte mich mein Enkelsohn Fabian. Er hat gerade sein Abi gefeiert. Deine Berichte las er sehr interessiert.

    1. Autor
      des Beitrages
      HannesPeter

      Hi Maria, dann solltest du mal wieder in die Stadt Istanbul. Es gibt wohl die ein oder andere gute Zugverbindung, wenn nicht jetzt wann dann?
      Klingt nach Abenteuer würde ich sagen;) Herbst und Frühjahr sind bestimmt eine gute Reisezeit.
      Cool, dass er sie lesen wollte;) Ich bin jetzt in Bayburt, noch zwei Tage bis Erzurum, eine der höchsten Städte der Türkei auf 1900m Höhe. Ich bin gerade wegen Magen-Darm im Hotel und kuriere mich aus :/
      LG nach Ingolstadt! Hannes

  5. Lewin John

    Hallo Hannes, wieder einmal schön geschrieben. Du hast mir große Vorfreude gemacht, selbst endlich in der Türkei zu radeln.
    Wie heißt denn die Sirenen-App mit der du die Hunde vertreibst? Hat es (abgesehen von dem einen mal) wieder funktioniert?

    Viele Grüße,
    – Lewin

    1. Autor
      des Beitrages
      HannesPeter

      Hi Lewin, die App heißt “Anti dog bark”, sie hat bei mir nur funktioniert, wenn ich zwei, drei Meter von den Hunden entfernt war, dann sind sie zurückgewichen. Aber auch nicht hektisch sondern nur so, als würde ich unangenehm riechen oder so^^ Wenn also des Nachts mal Hunde um dein Zelt laufen sollten (ist mir noch nicht passiert), dann könnte das helfen. Lautsprecher könnten die Reichweite erhöhen, hab ich aber nicht.
      Ja die Türkei ist toll, dir werden die gängigen Fragen immer häufiger gestellt werden. Unglaublich – ich bin jetzt schon über einen Monat im Land. Und jetzt hat mich der Brech-Durchfall (Magen-Darm) erwischt. Ich habe immer, trotz leichter Warnungen, das Leitungswasser getrunken. Der Fahrrad-Weltführer schreibt ja auch, dass das Türkei-weit kein Problem ist. Doch vorgestern wurde mir richtig übel, seit gestern abend ist mir aber wieder besser. Mal sehen wie lange ich noch hier im Hotel in Bayburt bleibe. Ich denke gerade das gechlorte Wasser lässt sich gut trinken. Frischwasser in PET Flaschen ist zwar günstig (5 Liter – 2TL, also 38Cent), aber war mir immer zu nervig, dafür Geld auszugeben. Ein türkischer Freund meinte auch, dass mein europäischer Magen auch durch leicht verdorbenes Essen oder die schlechteren hygienischen Zustände auf den Dörfern gereizt sein könnte. Ich erinnere mich, dass mein letztes Trinkwasser tatsächlich aus einer Kleinstadt kam, aber nicht gechlort war…
      Achja, denk dran die Visa-Sachen am besten schon in Istanbul zu klären. Spätere Möglichkeiten wie in Trabzon, Erzurum (hier hole ich mir das Iran.Visum) oder ev. Tiflis, Baku gibt es zwar bestimmt auch, aber was getan ist, ist getan und in Istanbul willst du ja bestimmt eeh länger bleiben. Übrigens: Das Galata West Hostel bietet 4-Bett-Zimmer für 8 Euro die Nacht. Schloss für Spint ist praktisch. Alles Gute dir und genieße deine Gesundheit! Hannes

        1. Autor
          des Beitrages
          HannesPeter

          Ja es geht wieder und ich bin zwei Tage unterwegs. Ich konnte es auf Grund der Abstände der Städte nicht so ruhig angehen lassen. Erster Tag auf dem Sattel und gleich wieder 75km, Pass auf 2400m und insgesamt 1200Hm. Ich bin dann ins Lehrerhaus gegangen, eine Art günstiges Hostel, aber trotzdem sauber. Schreibt sich auf türkisch Ögretmenevi . Evi heißt Haus. Ögretmen eben Lehrer. Eigentlich ein weiterer Türkei-Tipp. Die Häuser gibts es in vielen Städten, auch in kleineren. Nicht in Dörfern;)

  6. Alfred Härtl

    Hallo Hannes ,
    es freut mich jedes Mal , wenn ich deine Berichte lese. Abenteuer pur und nette Begegnungen .
    In Istanbul war ich auch schon – wenn auch nur ein paar Tage Dienstreise. Ebenso wie du , bin
    ich begeistert von dieser Stadt . Auch habe ich natürlich die Verkehrsverhältnisse mit erlebt –
    kaum zu beschreiben . Aufgefallen waren mir auch die Süßspeisen – auch Nachspeisen . Die sind ,
    obwohl ich Süßes sehr liebe , selbst mir zu süß gewesen ! Gewohnt hatten wir auf der europäischen
    Seite , aber dienstlich waren wir auf der asiatischen Seite tätig . Lustig dabei war immer die Fahrt
    über den Bosporus – Verkehrschaos , wie bereits von dir geschildert .
    Ich wünsche dir alles Gute für Deine weitere Fahrt und bedanke mich für deine Schilderungen und
    E-Mails !

    1. Autor
      des Beitrages
      HannesPeter

      Hi Alfred, habt ihr denn keine Fähre über den Bosporus genommen, die ist doch eigentlich ganz entspannt!? Die Süßspeisen, Baklava und Co. sind mir nicht zu süß;) LG aus Bayburt

  7. Sonja

    Es macht Freude deinen Bericht zu lesen. Es ist schön wie offen du auf alles Fremde zugehen kannst und wie du bisher doch ganz gut vorwärts gekommen bist.
    Weiterhin viel Gesundheit und gute Beine für deine spannende Reise.
    Gottes Segen für dich.
    Gruß Sonja

    1. Autor
      des Beitrages
      HannesPeter

      Im Moment stecke ich in Bayburt fest, ich habe nämlich Magen-Darm. Ich sitze im Hotel und langsam geht es wieder besser, ich merke, dass ich noch gar keine Lust habe, wieder aufs Rad zu steigen, ich fühl mich noch zu schwach. Die letzten Tage waren aber sehr abwechslungsreich. Immer wieder werde ich in der Türkei freundlich willkommen geheißen und zum Tee oder Essen eingeladen.

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