Abenteuer am Schwarzen Meer

Ein neues Meer

Hinter Istanbul frage ich mich, wie die Küste wird. Die Küste eines für mich neuen Meeres beginnt, des Schwarzen Meeres. Eine wichtige Angelegenheit, da sie mich für etwa 800 km bis kurz vor Trabzon begleiten wird. Die ersten Kilometer sind nicht besonders vielversprechend. Dank meiner Handynavigation im Rennradmodus lande ich auf sehr holprigen Wirtschaftswegen. Ich weiß eigentlich nicht besonders viel über die Schwarzmeerküste, da ich keine Berichte gelesen oder Videos dazu angeschaut habe. Viel gehört habe ich aber. Immer wieder wurde mir von Türken gesagt, wie unglaublich grün die Küste sein soll. Es soll auch nicht so warm hier sein. Es fielen auch viele Kommentare, wie gefährlich das Schwimmen im Meer sein soll. Kommen die Warnungen daher, dass die Türken so schlecht schwimmen können? Teilweise scheinen die Todesopfer durch Ertrinken wirklich daher zu rühren, andererseits gibt es häufig Strömungen, bei denen man nicht in Panik geraten darf. Ich stelle mir die Küste jedenfalls wie einen unglaublich grünen Regenwald vor in dem milde Temperaturen herrschen. Große Wellen schlagen an die felsige Küste und baden ist tödlich. Ganz essenziell ist für mich auch die Versorgung mit Lebensmitteln und ich frage mich: Wird es häufig genug Essen und Trinken geben? Wie groß ist der Abstand zwischen den Supermärkten? Muss ich von nun an mehr Wasser und Essen mitschleppen?

Meine erste Panne bahn sich an, denn eine Halterung meines Backrollers, der hinteren Packtasche löst sich. Glücklicherweise passiert mir dies nicht bei hoher Geschwindigkeit, das hätte böse enden können, sonders als ich im Wohngebiet bergauf strampel. Ich habe noch mehr Glück und es bleibt sogar die Schraube stecken, sodass ich die Ersatzschraube wieder einpacken kann. Es empfiehlt sich also diese Schrauben ab und zu auf Festigkeit zu prüfen. Für diese Fälle habe ich zwei Ersatzteilgruppen vom Packtaschenhersteller dabei, schließlich sind die Taschen, gerade die Halterungen extremen Kräften ausgesetzt. 7 kg Gepäck in der hinteren Tasche müssen bei Hubbeln und Schlaglöchern gut gehalten sein.
In Akva bekomme ich von einem Hotelier einen Tipp zu einem perfekten Campspot. „The view is significant, sagt er und schickt mich über eine Brücke und dann links die Straße zu den Felsen hinauf. Am Ende des Weges steht ein gepflegtes Restaurant, er kann es mir nicht empfehlen. Ich koche auch lieber selbst und biege kurz vorher links auf den Wanderpfad ab. Bald treffe ich andere Camper an der Steilküste. Ich weiß nicht, ob sie sich freuen, wenn ich mich zu Ihnen geselle. Der beste Weg ist wohl die Kontaktaufnahme, um das zu prüfen, auch wenn ich in diesem Moment keine Lust habe mit den Jungs zu reden. Sie sind ganz in Ordnung und ich kann mir vorstellen die Nacht in ihrer Nähe zu verbringen, schließlich ist der Ort auch einfach magisch. Grünes Gras spannt sich über die Felsen, 30 Meter weiter unten schlägt die Brandung gegen die geschlängelte Küste an der es immer wieder kleine Sand- und Kiesstrände gibt. Nur der Plastikmüll nervt, er ist in der Türkei aber leider an jedem schönen Platz vorhanden. Als mein Zelt steht und die Dämmerung beginnt, starten die Jungs ein Feuer und fackeln fast ihr Zelt ab, da der stärkere Wind die Funken zum Zelt trägt. Kein Wunder es steht ja auch nur 3 Meter entfernt – in Windrichtung. Die Jungs scheint der Umstand aber nur peripher zu tangieren und sie bemühen sich nur langsam, das Zelt zu verschieben. Wäre mein Zelt betroffen, das wahrscheinlich auch mehr als viermal so teuer ist, hätte ich ein bisschen anders reagiert. Einer von Ihnen ist Englisch-Lehrer und über ihn komme ich dann doch mit den Jungs ins Gespräch. Wir trinken Kaffee und essen Sonnenblumenkerne. Die Kerne sind gesalzen, aber noch in der Hülle gefangen und ich muss lernen, sie mit den Zähnen vorsichtig herauszubeißen. Jetzt weiß ich, woher die Schalen stammen, die an vielen meiner Rastplätze herumlagen. Die Türken lieben sie und so schnell wie sie die Hand zum Mund führen und dann wieder den nächsten greifen, haben sie viel Übung. Ich nicht.

Am nächsten Vormittag werde ich vom Starkregen überrascht und rette mich unter Zweigen am Straßenrand. Ich hocke in der Regenrinne der Straße, in der noch kein Wasser rinnt. Doch bald kommt die erste kleine Flutwelle und Dreck und Zweige verfangen sich in meinen Speichen, die nun vom Wasser umspült werden. Ich werde immer nasser, so kann es nicht weitergehen. Ich fahre die Straße hinunter, vorhin hatte ich mir dort doch ein Haus mit Unterstand gemerkt. Beim Bremsen rutsche ich die Straße hinunter, der Fuß zusätzlich auf dem Asphalt. Ein Glück, dass ich nicht stürze. Regen macht die Straßen hier generell glitschig. Und dort ist ein Unterstand: Rechts stelle mich unter einen Schuppen auf einem Grundstück. Bald kommt eine alte Frau mit Kopftuch aus dem Haus, sie scheint mich erst nicht zu sehen und scheint sich auch aus dem Regen nichts zu machen, der sie nass macht. Sie beginnt den Hühnern futter zu geben und sieht mich. Wir verstehen uns nicht, aber sie lacht viel mit mir, während ich meine Essensreste vom Vortag esse. Irgendwann verabschiede ich mich und lasse sie um eine Überraschung reicher zurück.

Motivation in den Beinen

Die Kraft und Motivation in meinen Beinen ist in diesen Tagen sehr unterschiedlich groß und ich habe noch keine Regel gefunden, wie mein Körper tickt. Ich kann am Anfang des Tages nicht sagen, wie meine Beine an diesen Tag mitspielen werden. Manchmal komme ich schnell auf Temperatur, manchmal benötige ich aber auch knappe 40 Kilometer, bis ich gerne in die Pedale trete. An diesem Tag erfahre ich ein Wunder. Da es am Vormittag geregnet hatte und ich nass geworden bin, suche ich mir nach der Begegnung mit der alten Frau in der nächsten Stadt ein Café. Ich esse erst die Süßspeise Künefe, welches ich in Istanbul lieb gewonnen habe, gehe dann noch richtig herzhaft essen. Als ich zum Café zurückkehre, bekomme ich noch ein Dessert an meinen Tisch gestellt, an dem ich an meinem Blog weiterschreibe. Nach also gefühlten eine Milliarde Kilokalorien und drei Stunden später schwinge ich mich wieder auf mein schwarzes Fahrrad und donnere los. Es fühlt sich richtig gut an. Ein leichter Adrenalinrausch, ein schlechtes Gewissen durchfährt mich, denn Strecke machen sollte ich heute noch. Ich sause nur so die Anstiege hinauf. Meine Beine sind in Form und genügend Energiereserven sind auch vorhanden. So kann es jetzt eine ganze Zeit weiter gehen. Kilometer um Kilometer komme ich voran. Zwischendurch komme ich auf einen Trampelpfad, von dem es dann sehr steil und holprig hinauf zur Teerstraße geht. Doch auch das macht mir nichts aus. Ich kann unglaubliche Kraft auf das Pedal bringen und bei Bedarf sogar ziehen. Ich habe ja Klickpedalschuhe an. Bald fahre ich auf einem komplett neuen Teerband und die Straße wird für den Rest dieses Tages ungewöhnlich flach.

Ein Abend nach Wunsch?

Nach 40 Kilometern mache ich mir Gedanken, wie ich den Abend verbringen möchte. Ich würde gerne das heutige WM-Spiel mit deutscher Beteiligung schauen und duschen, denn das habe ich bestimmt drei Tage nicht mehr. In der nächsten Ortschaft, am Stadtrand einer kleineren Stadt frage ich bei Kindern, die im Garten schaukeln, ob ich bei Ihnen im Garten schlafen könnte und ob ihre Eltern da wären. Diese aber lachen nur und verstehen überhaupt nichts. Ich bin überzeugt, dass meine Pantomime (ich forme mit den Handflächen ein Zelt und zeige auf die Rasenfläche und dass ich schlafen möchte) mittlerweile ganz schön ausgereift ist, nicht missverstanden werden kann und keinen Zweifel zulässt. Und doch haben die Kinder keine Ahnung, was ich möchte. Nach einiger Zeit kommt dann die ältere Schwester Kübra aus dem Haus und sie spricht zum Glück relativ gutes Englisch. Auch die Eltern sind nun anwesend und alle interessieren mich für mich. Doch der Onkel weist mir nur ein kleines Stück Rasen im Vorgarten zu auf dem gerade so mein Zelt passen würde. Schnell mischen sich aber die Frauen des Hauses ein und laden mich ein, mit hineinzukommen. Ich könnte auch im Haus duschen und schlafen. So entwickelt es sich, dass ich an diesem Abend frisch geduscht mit Kübras Eltern und Geschwistern auf dem Boden des Wohnzimmers hocke und von einer großen Platte zu Abend esse. Gleichzeitig läuft das Fußballspiel Deutschland-Schweden; das einzige Spiel in dem Deutschland gewinnt, was natürlich auch ein Wunsch von mir war. Später wird an der Stelle an der wir essen meine Matratze liegen. Habe ich mir am Vormittag zu viel gewünscht? Der nächste Tag ist ein Sonntag und es sind Präsidentschaftswahlen, bei denen jeder davon ausgeht, dass Recep Tayyip Erdogan von der AKP sie gewinnen wird. Die Chance, ein türkisches Wahlbüro zu erleben, lasse ich mir nicht entgehen und ich begleite Kübra und ihre Eltern beim Wahlgang. Da wir in einem Dorf mit wenigen Einwohner sind, gibt es keine Schlange vor den zwei Wahlräumen. Die Wahlscheine sind nicht länglich, wie in Deutschland, sondern breit. Er kommt mir bekannt vor, da ich ihn nun schon häufiger auf Erdogan-Plakaten gesehen habe, bei denen per Stempel ein „Evet“ – Ja“ bei Erdogans AKP gemacht wird – wo auch sonst. Zum Abschied bekomme ich von Kübras Vater eine Tüte geröstete Haselnüsse mit. Sie scheinen sie immer in der Mikrowelle zu rösten. „Ich ernte im Jahr 7000 Tonnen Haselnüsse.“, erzählt er und ich stelle mir noch vor, wie er sie vom Boden aufhebt, bevor mir klar wird, dass das ja ohne Maschinen gar nicht zu bewerkstelligen sein kann. Doch später erfahre ich, dass die Haselnüsse tatsächlich alle von Hand geerntet werden, da die Hanglagen häufig steil sind und es keine Maschine zwischen den Büschen hindurchschaffen würde. Allerdings werden die Haselnüsse – meine ich – auch nicht vom Boden aufgehoben, sondern von den Sträuchern gerissen. Alleine wird er die große Menge an Nüssen auch nicht ernten, denn wenn die Zeit der Haselnussernte ist, muss jeder mit anpacken. So hilft auch ein Gastgeber einige hundert Kilometer weiter, der selber im Krankenhaus arbeitet, bei der Haselnussernte in seiner Region.

Als ich dann endlich gestartet bin, erwartet mich Gegenwind. Ich kann nur 15 km/h fahren (was ja noch ganz in Ordnung ist) und frage mich, ob der Wind tatsächlich so einen großen Unterschied macht. Zum Test drehe ich kurzer Hand einfach um und fahre auf dem Seitenstreifen in die entgegengesetzte Richtung. Ich fahre ohne Probleme 31 km/h und fühle mich fit wie ein Turnschuh. Auf dem Rückweg wieder die halbe Geschwindigkeit und ein weit schlechteres Gefühl.

Generell genieße ich in dieser Zeit, die Freiheit alleine über die Dinge zu bestimmen, da ich wieder alleine reise. Ich spüre große Sicherheit und Zuversicht. Am Abend bleibe ich zum Beispiel bis 21 Uhr in einem Restaurant, obwohl ich noch keinen Schlafplatz gesucht habe. Es ist ein schönes Lebensgefühl, als ich dem Team von jungen Kellnern eine gute Nacht wünsche und positiv gestimmt in die dunkle Nacht hinausfahre. Irgendwo wird schon ein ruhiges Plätzchen sein. Ob ich da Recht behalte? Heute Morgen war doch was? Ah ja die Wahl – und heute Abend ist die Auszählung der Stimmen und die Bekanntgabe des Wahlsiegers. Bald treffe ich auf eine Gruppe mit Frauen und Kindern: „Merhaba“ – „Hallo“ sage ich. Da sie Erdogan-Fans zu sein scheinen, füge ich hinzu: „Tayyip“ und die Leute klatschen. Ich bin also gleich akzeptiert, da ich den Vornamen ihres Wunschpräsidenten aussprechen kann und darf mich auf dem Kinderspielplatz zur Ruhe begeben. Ein Fehler, dass ich nicht nach der Moschee, die nur wenige Meter entfernt vom Spielplatz steht, Ausschau gehalten habe. Moscheen in der Nähe des Zeltes sind keine wirklich gute Idee, da wegen dem Gesang um 23 und 5 Uhr ziemlich nervig. Bei der Moschee-Dichte in der Türkei aber auch schwierig-unmöglich zu vermeiden. Ich liege im Bett. Ein Ton reißt mich aus der Vorschlafphase. Wie kann eine Hupe nur so nervig klingen? (In der Türkei gibt es Hupen mit Melodien und verschiedenen Tonlagen.) Die Menschen jubeln und in der Umgebung wird es nochmal laut. Die Wahl ist also entschieden.

Gewonnen hat der, der am weitaus meisten Wahlwerbung betrieben hat und den auch viele junge Männer, die ich getroffen habe gut finden, da er „das Beste für die Türkei will“.

Ich schlafe ein. Und werde wieder geweckt. Wer kann das sein? Ein Mann präsentiert mir seinen Dienstausweis und warnt mich als Polizist: „Sie campen hier im Sicherheitsbereich der Moschee, können wir einmal ihren Ausweis sehen? Sie müssen vorsichtig sein. Was machen sie hier? Ah, sie sind Fahrradtourist. Haben sie denn ihr Fahrrad gut angeschlossen? Das sollten sie hier tun, falls etwas ist, melden sie sich bei uns!“ Nach diesem Gespräch mit den freundlichen Ordnungshütern, dass ich mir gerne auch erspart hätte, schlafe ich schlecht ein. Schließlich war ich eben noch guter Dinge, doch wurde ich nun mit finsterer Miene vor unbekannten Gefahren gewarnt.
Am nächsten Morgen geht es um 9:13 weiter. Ich fahre 88 steigungsreiche Kilometer und überwinde 1400 Höhenmeter auf der Strecke von Akcakoca nach Zonguldak. In der geschäftigen Hafenstadt Zonguldak suche ich am Hafen nach gutem und frischem Fisch, doch werde meinerseits von Sevim gefunden. „Hey du, was suchst du denn hier? Können wir dir irgendwie helfen? Sonst setz dich doch erstmal zu uns.“ sind ihre ersten Worte und ich geselle mich zu ihrer Familie. Nichts schönreden denke ich mir und antworte „Ich suche etwas zu essen und einen Platz zum Schlafen“. Sevim und ihr Mann Ahmet essen mit ihrer Mutter und einer Verwandten zu Abend. „Das können wir dir Beides geben. Jetzt iss etwas hier und später kannst du bei uns im Apartement wohnen.“ Der Abend verläuft, wie Sevim es mir ankündigt und ich habe ein weiteres Mal einfach nur Glück, so tolle Menschen am Wegesrand zu treffen.

Eine Chance, die ich nicht verpassen möchte

Nach wenigen Kilometern am nächsten Tag (es brauchte etwas Zeit vom schönen zu Hause der Beiden in den Berghängen von Zonguldak wegzukommen) fahre ich an einem stehenden Auto mit deutschem Kennzeichen vorbei. Ich grüße nicht, aber die Fahrerin grüßt und wir beginnen ein Gespräch. „Wir stehen hier gerade, weil wir uns streiten… Aber sag mal, du, haben wir dich nicht vorhin schon gesehen? Kommst du aus dieser Richtung?“ Sie zeigt in die Richtung, in die ich fahre aber aus der ich nicht komme. „Na sag mal, dann muss da noch ein anderer Radreisender sein. Ganz sicher und mit so einer gelben Warnweste.“ Ich bekomme also die Information, dass ein weiterer Reiseradler auf der Strecke ist und die Verfolgungsjagd beginnt. Ich mache mir Gedanken: Ist er ein Sprinter? Hat er vielleicht weniger Gepäck und ist schneller als ich? Habe ich eine Chance ihn einzuholen? Nur wenn er eine Pause macht und ich nicht. Ich muss jetzt effektiv sein und Beweise sammeln. Radreifen hinterlassen ja leider keine Spuren, maximal im warmen Asphalt. Der Asphalt ist heiß, doch ich erkenne nichts. Alle paar Kilometer frage ich Ladenbesitzer per Pantomime, ob sie einen Radreisenden wie mich mit gelber Warnweste in diese Richtung haben fahren sehen und ernte ein Nicken. Ich bin also immer noch auf der Fährte und treffe dann schließlich – nach einer Kurve – den dösenden Björn. „Ha! Hab ich dich!“ rufe ich, als ich auf ihn zufahre, er muss einfach deutschsprachig sein. Meine Vermutung stimmt. Björn ist 30 Jahre alt und ebenfalls aus Deutschland. So haben wir ein langes Gespräch über die Strecke, Ausrüstung und unsere weiteren Pläne. Beflügelt von der Aussicht mit Björn ein paar Tage gemeinsam zu verbringen, geht es weiter zu unserem Warmshowers-Gastgeber – teilweise auf dem Fahrrad des anderen.
Reiseräder habe ich mittlerweile einige gesehen. Die Setups ähneln sich natürlich immer stark. So ist auch Björn klassisch mit 4 Packtaschen (2 Ortlieb vorne, 2 Vaude vorne, die er sehr mag) und einer Lenkertasche unterwegs. Dazu hat er noch eine große Gepäckrolle auf dem Gepäckträger. So ziemlich jeder Reiseradler, den ich getroffen habe, behauptet von sich, er habe das schwerste Fahrrad, der Kalifornier Zach übrigens auch, doch er hatte mit seinen zwei Taschen einfach keine Chance. Sorry, Bro! Doch Björn hat den Vogel abgeschossen. Sein Rad muss weit über 50, etwa bei 55 kg liegen. Was es so schwer macht? Zwei bis drei Bücher, ein Notebook, ein fast unbenutzter Kocher und ein Wasserfilter, ein riesiger Schlafsack für Minustemperaturen, viele volle Trinkflaschen und eine Spiegelreflex-Kamera mit Ersatz-Objektiv. So richtig viel Potenzial Gewicht zu verlieren hat er damit aber nicht, abgesehen von den Büchern und den Wasserflaschen. Schließlich sind die anderen Dinge wertvoll und nur kostenintensiv durch leichtere zu ersetzen. Ich rate ihm jedenfalls weniger Wasser mitzuschleppen, steht doch alle drei Kilometer eine Wasserstelle am Wegesrand, doch Björn trinkt lieber das gekaufte Wasser. Worum ich Björn ein wenig beneide, ist sein sehr breiter Lenker, sein kleinster Gang und die Hupe am Lenker, die sehr sympathisch klingt.

Am Tag nach unserem Zusammentreffen erreichen wir nach nur 27,5 km die kleine touristische Küstenstadt Amasra und beschließen am nächsten Tag zusätzlich einen Pausentag einzulegen. Der sieht dann so aus: Wir sitzen stundenlang in Eisdielen oder Restaurants. Ich kümmere mich um mein Iran-Visum. Und erst wenn uns der lange Aufenthalt zu peinlich wird, weil wir kaum etwas bestellen, hüpfen wir zu einer anderen Sitzgelegenheit im nächsten Restaurant.
In den nächsten Tagen geht das sinnlose Auf und Ab der Schwarzmeerküste gnadenlos weiter. Wir hangeln uns von Schild zu Schild. Jedes verkündet eine zehnprozentige Steigung über die nächsten zwei Kilometer. Andere Schilder scheinen sie hier nicht zu haben. Glücklicherweise sind es selten volle zehn Prozent. Es geht also relativ steil auf und ab. Man würde meinen, dass die Energie ja nicht verschwendet ist, da man sie in der Abfahrt in Form von Geschwindigkeit wieder gewinnt. Diese Annahme ist hier ein Trugschluss, wie Björn bemerkt. Er ist ziemlich genervt und findet die Straße einfach Scheiße. Die engen Kurven, das starke Gefälle und mögliche Bodenwellen zwingen uns zum Abbremsen. Die Energie nutzt eher die Bremsbeläge ab, als das sie uns weiterbringt. Ja, Geschwindigkeiten von über 45 km/h auf der einspurigen Straße sind häufig drin, aber wir sind eben auch schnell wieder unten. Dann geht es gleich wieder hinauf. Die Abfahrten machen uns beiden dennoch meistens Spaß, volle Konzentration auf den Bodenbelag ist aber Pflicht. Jedes Schlagloch könnte dein letztes sein, denke ich mir. Wir sind Bodenbelagscanner.

Aktuelle Statistik (Stand: 23.07.2018)

  • Tage unterwegs: 80                                                                                                                                     
  • Davon mit Begleitung: 44
  • Pausen-Tage: 13 und fünf Halbe                                                                                                                         
  • Tage krank: 5
  • Gefahrene Kilometer: 4998
  • bereiste Länder: Deutschland, Österreich, Italien, Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina,                                                   Montenegro, Albanien, Mazedonien, Griechenland, Türkei
  • Platten: 1 (nach 4958 Kilometern durch einen Glassplitter)                                                                                 
  • Wegen vergessenen Dingen umgedreht: 1 Mal                                                                                                     
  • teuerster Tag: 38 Euro (in Istanbul mit Hagia Sophia und türkischem Bad; Tag mit Iran-Visum oder Fahrrad-                              Reparatur gilt nicht)                                                                                            
  • günstigster Tag: 0 Euro (Essen vom Vortag und eingeladen beim Gastgeber)                                                     
  • min./max. Kilometer an einem ganzen Tag: 35km (wegen Fähre auf Krk) / 142,3 km (Griechenland)             
  • Tag mit längster Zeit im Sattel: 7:17h (Griechenland)                                                                                         
  • max. Geschw.: 68 km/h (kroat. Insel; Türkei)                                                                                                   
  • längster Tunnel: 2623m hinter Tirana, Albanien

 

Erzwungenes Hangover und danach fehlt etwas

Bis zur Stadt Sinop werden Björn und ich noch zusammen fahren und wir erleben kurz davor noch eine ganz besondere Nacht. Wir werden vom einundachtzigjährigen Hassan zu sich nach Hause eingeladen. Er spricht Deutsch, da er lange in den Niederlanden gelebt hat. Wegen seiner alkoholischen Vergangenheit scheint seine Zunge aber gelähmt zu sein und wir verstehen sein Deutsch nur sehr schwer. Aus seiner Wohnung im zweiten Stock des großen Hauses, vor dem er sitzt, dringt durchgehend laute Musik, der Radiosender spielt ausschließlich komischen türkischen Schlager. Und am Gatter des Grundstücks steht ein alter Traktor mit Kabine. Er hat ihn vor Jahren aus den Niederlanden per Autozug hierher transportiert. Wir werden eingeladen mit ihm hinunter ins Dorf zu fahren uns sitzen schon bald links und rechts von ihm in der ruckelnden Kabine. Unsere Mägen knurren, doch Hassan kommt gar nicht auf die Idee uns bald etwas zu essen zu besorgen, sondern lädt uns für die nächsten sechzig Minuten zum Çay ein. Ich werde nervös, denn ich möchte wirklich gerne meine Energiereserven auffüllen und mir wird der liebe Hassan etwas unsympathisch, da er auf seine alten Tage nicht sehr emphatisch ist. Endlich führt er uns hinkend durch die Straßen. Wir haben keine Ahnung wohin es geht. Abgemacht haben wir mit ihm, dass er einkaufen geht und wir bei ihm in der Wohnung eine Suppe kochen. Doch dann führt er uns zu einem Verwandten, der für uns zu kochen beginnt. Nach einer gefühlten Ewigkeit gibt es dann Essen und ich kann mich entspannen. Wir sind fertig mit dem Essen, doch Hassan denkt gar nicht den Rückweg anzutreten. Erst nach Mitternacht fahren wir mit seinem ruckelnden Gefährt in dem wir kaum gerade sitzden können den Berg wieder hinauf zu seinem Haus, die Musik dröhnt immer noch von seiner Wohnung herunter. Nachdem er uns im ersten Stock unsere Schlafplätze gezeigt hat, kann er nicht mehr an sich halten und pinkelt direkt in den Eingang, wo wir nun unsere Packtaschen hinüberheben. Gut, dass wir noch jung sind. Die Wohnung ist dann doch nicht, dass was wir uns versprochen haben. Es muffelt, der Boden ist schief und auf den Betten und Sofas ist Mäusekot. Ich benutze meine Zeltunterlage, um mir wenigstens etwas Distanz zum Sofa zu schaffen, doch natürlich verschiebt sich diese dauernd. Die merkwürdige Musik aus der oberen Etage möchte einfach nicht stoppen und so bekommt auch Björn, der am lauteren Eingang schläft nicht wirklich eine gute Nacht ab.

Bei der Abreise bin dann aber ich der größere Pechvogel und vergesse sowohl meine Regenjacke mit Bargeld, also auch meine Powerbank, die ich zum aufladen angeschlossen habe. Mir fällt meine Unachtsamkeit erst auf, als wir 400 Höhenmeter hinuntergefahren sind. Ich kann nicht an mich halten und schreie „Fuck“ in die türkischen Berge. Kann der Zeitplan, den wir mit unserem nächsten Gastgeber verabredet haben, noch aufgehen? Es bleibt mir nichts anderes übrig, als zurückzufahren und zu hoffen an der Steigung mitgenommen zu werden. Ich halte meinen Daumen bei größeren Autos hinaus. Selbst ein Großraumtaxi fährt an mir vorbei. Doch es wird langsamer und fährt an den Straßenrand. In der Kabine sitzen ältere türkische Frauen, eine Frau mit ihrer erwachsenen Tochter und in der Fahrerkabine natürlich die männlichen Fahrer. Gleich drei Männer helfen mir meine Packtaschen im schmalen Kofferraum und das Fahrrad im Gang bei den lächelnden Passagieren zu verstauen. Niemand beklagt sich. Ich muss mich jetzt echt setzten. Die Herausforderung der Gruppe Türken zu erklären, wo ich aussteigen muss, kommt noch. „Bist du Deutsch?“ werde ich von der Tochter angesprochen. Ich kann es kaum fassen, ich bin in der türkischen Provinz und treffe auch noch Deutsch-Türken aus Hannover. Ich schildere ihr meine Situation und sie übersetzten an die Männer in der ersten Reihe. Meine Erkenntnis der letzten Tage: Läuft es mal nicht so gut, muss ich nur warten und das Leben präsentiert mir eine Lösung und zieht mich aus der Scheiße. Die Männer sind super motiviert, helfen mir mein Fahrrad wieder mit den Packtaschen zu bestücken, kommen mit aufs Grundstück und fahren erst weiter, nachdem sie sicher gegangen sind, dass ich meine verlorenen Dinge in Hassans Haus gefunden habe. Total misstrauisch gegen meinen eigenen Verstand fahre ich die eigentlich so genussvolle Abfahrt wieder hinunter. Was wäre, wenn ich wieder etwas vergessen habe?

Dank des türkischen Taxibusses erreiche ich den Flughafen Sinop am Abend rechtzeitig und hole dort meinen Gastgeber Ferdi ab. Wie praktisch, dass Zach einige Tage voraus ist und mir Kontakte zu netten Gastgebern weitergibt. So auch bei Ferdi, der Björn und mich in seiner Wohnung im 5. Stock „so lange ihr wollt“ beherbergen möchte. Unendlich lange wird es nicht, Björn bleibt nur zwei Nächte, ich drei und ich habe die Befürchtung das viel umworbene Nachtleben von Sinop nicht kennenzulernen. In meinen Türkei-Führer heißt es:

„Das auf einer Landzunge gelegene Sinop ist die reizvollste Stadt der türkischen Schwarzmeerküste. Zu ihren Attraktionen gehört ein schöner Hafen, Badestrände, antike Stätten und im Sommer ein vielseitiges Nachtleben. Die Stadt ist nach der Amazonenkönigin Sinope benannt …(und) war die Heimatstadt des Diogenes…“ – Globetrotter Travel Guide Turkey, 1997

Mit Ferdi in die…

Ferdi ist ein 29-Jähriger, unglaublich beschäftigter Bewohner dieser 100.000-Einwohnerstadt. In seiner Wohnung verbringt er weniger Zeit als wir, denn er ist ständig auf Achse und organisiert Dinge für seine Volunteers. Sein Einkommen bezieht er über einen Job am Flughafen, bei dem er ausgefallene Instrumente reparieren oder austauschen muss. Da dies aber nur drei bis viermal im Jahr notwendig ist, hat er den entspanntesten Job der Welt und kann am Arbeitsplatz schlafen. Seine Schicht sieht zwei Tage Arbeit, zwei Tage frei vor. Jetzt stehen zwei freie Tage ins Haus und er hat Zeit für uns. Am Abend soll eine Freiwillige verabschiedet werden und wir gehen in eine Disco. Wir stehen bei viel zu lauter Musik allein im Großraum und es passt nicht so ganz. Zum Glück gehen wir bald vor die Tür, setzen uns und haben nette Gespräche. Am nächsten Tag verabrede ich mich mit Ferdi und dem Freiwilligen Giorgios aus Griechenland für das türkische Bad. Nach dem Strandbesuch mit Ferdi bin ich schon so müde, dass ich absagen möchte, doch Ferdi überzeugt mich doch mitzukommen. Das traditionell türkische Bad, türkisch Hammam ist häufig unterirdisch gelegen, das Dach lässt aber durch Löcher noch Tageslicht hinein. In kleinen Kabinen wird sich umgezogen, wir drei teilen uns eine große. Gleich geht es hinein, durch den Waschraum in die Sauna. Einen Pool wie in Istanbul gibt es nicht. Wir bestellten das Komplettpaket für umgerechnet 8 Euro und freuen und auf das Abreiben und die Massage. Ferdi stellt uns den zwei Masseuren vor. „Wie findest du Erdogan?“ werde ich vom älteren gefragt und ich antworte mit einem Daumen, der eher nach unten zeigt. Der Fragensteller scheint nicht begeistert und Ferdi rät mir, mich lieber vom jüngeren Mitarbeiter massieren zu lassen. Dieser macht seine Arbeit sehr gut. Mit einem rauen Schwamm trägt er unglaublich viel Haut von meinem Oberkörper ab. Bei der Massage legt er viel Wert auf die Füße, danach bleibt mir noch Zeit wieder in die Sauna zu gehen und mir kaltes Wasser über den Kopf zu gießen. Mein Favorit des Abends ist aber ein Getränk, dass ich direkt nach der Massage genieße. Das kalte Ayran-Soda besteht aus dem allgegenwärtigen Joghurtgetränk Ayran, aufgegossen mit Sprudelwasser. Im warmen Hammam eine perfekte Erfrischung.


Hinter Sinop ist es endlich…

…wieder flach. Ich fahre lange Zeit 30 Stundenkilometer ohne mich anzustrengen und komme richtig gut voran. Ich schaffe 108 km in unter fünf Stunden. Am Abend fahre ich in ein Dorf und bekomme Brot, Tomaten, Käse und Oliven von den jungen Männern des Dorfes serviert. Zahlen darf ich nicht. Ich kriege einen Zeltplatz zugewiesen und mir wird gesagt, dass ich wiederkommen soll. Das tue ich dann auch und schaue als einziger auf dem kleinen Röhrenbildschirm des Tee-Ladens Fußball (ein Achtelfinale mit belgischer Beteiligung). Währenddessen sitzen vor der Tür auf den Gehwegen bestimmt 50 Männer, sie trinken Çay und reden mehr oder weniger viel. Mein Fahrrad steht unter vielen anderen – alle dasselbe Modell. Ab Sinop sehe ich wieder häufiger Fahrräder, sie werden fast ausschließlich von Männern benutzt. Von vielen alten und jungen. Das Model verfügt nur über eine Gang, einen sehr breiten Gepäckträger und schlichte Bremsen. Ich habe noch einmal Hunger, doch im Dorf gibt es zur späten Uhrzeit nichts Sättigendes mehr zu kaufen. Und so fahren die Jungs mit mir in die Stadt. Ibrahim versucht mir auf der Autofahrt die Namen aller Jungs beizubringen, ein schwieriges Unterfangen bei meinem Namensgedächtnis und den doch etwas anderen türkischen Namen. In der Stadt angekommen, sind sie sehr stolz darauf mir Çiğ Köfte auszugeben. Çiğ Köfte bedeutet „rohes Fleisch“, darf aber als dieses nicht mehr verkauft werden. Heute besteht das Streetfood aus Bulgur, gewürzt mit Tomatenmark und Gewürzen. Dazu isst man entweder dünnen Fladen oder nur Salatblätter vom Eisbergsalat. Wahlweise wird ein saurer Granatapfelsirup dazu gegessen. Als ich nach Mitternacht in meinem Zelt endlich auf meine Matte falle, mache ich mir Gedanken über meine Sicherheit. Kurz nach dem Einschlafen werde ich geweckt. Ibrahim möchte mich überzeugen, doch an einem Ort zu schlafen, den er kennt und der Videoüberwacht ist. Ich lehne dankend ab, das Zelt jetzt nochmal abbauen, nein wirklich nicht.

Apple, Nokia,…

Am folgenden Tag erreiche ich die große Hafenstadt Samsun. Mein Gastgeber Ersan wohnt zusammen mit seinem älteren Bruder, sowie 8 Katzen und seinem Hund. Seine Warnung, dass ich den Katzengeruch in seiner Wohnung nicht mögen könnte, übergehe ich und ziehe bei ihm ein. Ich erfahre bald von ihm, dass er Chemiker ist und gleichzeitig Sicherheits-Ingenieur. Er betreut also Baustellen, ist für die Sicherheit verantwortlich, gibt Kurse und muss Ratschläge geben. Unglücklicherweise ist auf einer Baustelle, die er betreut ein Mann zu Tode gestürzt. Ersan steht nun ein Gerichtsverfahren bevor und ist arbeitslos; er ist sichtlich bedrückt. Gleichzeitig weiß er aber auch, dass er keine Schuld hat, da er die Baustelle erst frisch übernommen und die nötigen Sicherheitsmaßnahmen eingeleitet hatte. Eine Baustelle nur wegen fehlender Geländer komplett zu sperren, wie es vielleicht sinnvoll wäre, ist real nicht durchführbar. The show must go on.
Trotzdem wird der Abend mit Hassan noch ausgelassen und wir schauen einen deutschen Film über türkische Einwanderer mit deutsch-türkischen Schauspielern (Almanya – Willkommen in Deutschland, Deutschland, 2011). Hassan spricht nämlich auch deutsch. Er hilft mir meine Karte mit türkischen Vokabeln um einige praktische Verabschiedungen und Sätze zu ergänzen. Er hat ein sehr gutes Gefühl für Sprache und versucht die für mich wichtigen Nuancen zu treffen. Schließlich bin ich Radreisender und würde bei einer Verabschiedung selten davon ausgehen, den anderen ein weiteres Mal zu treffen.
Am nächsten Morgen fahren wir mit einer Gondel für das Frühstück in ein Restaurant. Weit über der Stadt essen wir Pide, ein dünnes Brot mit Käse oder Hackfleisch gebacken und trinken Çay, den allgegenwärtigen gesüßten Schwarztee. Erst am Nachmittag schaffe ich es weiterzufahren und campe ein weiteres Mal auf einem Spielplatz. Zwei junge sympathische Männer lernen mich dort kennen: Bora und Ibrahim. Der Google-Übersetzer sagt, sie wollten mir einen „einen Ort mit guter Luft“ zeigen, sie hätten ein Auto. Ich bin wirklich müde und möchte absagen, doch willige dann ein. Nach einer Stunde schlummern im Zelt, währenddessen auch die Moschee wieder zum Gebet ruft, werde ich abgeholt. Es ist mittlerweile stockfinster. Mein Zelt und das Fahrrad lasse ich stehen, nur die Wertsachen nehme ich mit in den Kofferraum. Wir fahren also los, Ibrahim hält lässig das Lenkrad und fordert mich auf deutsche Musik auf YouTube zu öffnen. Wir kaufen Chips und Limo, hören Cro, Alle Farben, SDP und Deichkind und rauschen durch die Nacht. Recht bald steigen wir wieder aus. Das ist also der Ort mit der guten Luft, denke ich mir. An Höhe haben wir nichts gewonnen und die Luft ist eben in Ordnung aber nicht besonders. Ich realisiere es dann doch. Wir sind im Kreis gefahren und wieder beim Spielplatz, bei meinem Zelt angekommen. Also doch kein mystischer stimmungsvoller Ort mit Aussicht und guter Luft, es war nur die Fahrt zum Getränkeautomat. Mir ist es recht, so komme ich vielleicht schneller wieder ins Bett, denn müde bin ich allemal.


Wenige Tage zuvor hatte ich mein Iran Visum beantragt. Der Iran ist dabei sein Visa-System umzukrempeln und für die meisten Staaten der Welt ein E-Visa einzuführen. Ein elektronisches Visum, welches online beantragt wird. Noch ist es nicht soweit und ich muss meines in einer Botschaft oder einem Generalkonsulat abholen. Ich entscheide mich gegen das für Überlandradler übliche Trabzon und für das hoch in den Bergen, auf 1900 m Höhe gelegene Erzurum. Erzurum ist die am höchsten gelegene Stadt in der Türkei. Ich verspreche mir dadurch Abenteuer. Nun sind es noch drei Tage an der Schwarzmeerküste, dann muss ich 50 Kilometer nach Giresun rechts Richtung Landesinnen abbiegen. Auf dem Weg nach Giresun komme ich in die 107.000-Einwohner-Stadt Fatsa und kaufe viele Kleinigkeiten. Darunter ekeligen Mais mit Ketchup und Mayo von einer freundlichen Frau mit Kopftuch. Außerdem verschiedene Sorten Baklava aus dem Pasta-Shop, wie hier die Bäckereien genannt werden. Wer hier eine schöne Portion Spaghetti Bolognese bestellen möchte, wird weder Nudeln noch Fleisch bekommen, sondern nur sehr süße, meist mit Zuckersirup eingeweichte Süßspeisen und trockene Gebäckstücke. Ja trocken, ich spreche aus Erfahrung.


Ein Paradies für Scrat

Weiterhin befinde ich mich in einer Haselnussregion. Giresun und Ordu produzieren zusammen 70 % der Weltproduktion. Wer also in Deutschland Haselnüsse im Seitenbachermüsli findet oder sich Nutella aufs Brot schmiert, kann dabei ruhig mal an die Schwarzmeerküste in der Nordtürkei denken. Jeder Quadratmeter ist mit Sträuchern bepflanzt und Geschäfte sind speziell auf die Bedürfnisse der Farmer ausgerichtet. So gibt es häufiger Shops ausschließlich mit Produkten von Stiehl und Husquvarna für die Haselnussstrauchpflege. Dabei geht es vor allem um Kantenschneider und Heckenscheren und deren Ersatzteile. Als ich in die Berge fahre überrascht mich, wie die Menschen an den steilen Berghängen arbeiten können, denn überall wachsen Sträucher. Es muss funktionieren und so höre ich mitten in den Bergen das aggressive Surren eines Kantentrimmers. Immer wieder sind von den Berghängen Seillifte zu den Straßen gespannt um den Transport von Werkzeugen und Ernte zu erleichtern. Wie die Stahlseile mit angehängtem Gestell allerdings in der Praxis benutzt werden, konnte ich leider nicht sehen. Haselnussschalen werden hier im Winter wohl auch zum Heizen verwendet und ich sehe Grills wenige Zentimeter vom Seitenstreifen der Autobahn entfernt. „So einen geringen Abstand würde es in Deutschland natürlich nicht geben“, denke ich mir. Die Grillstände werden am Vormittag mit Haselnussschalen angefeuert. Viele Eichhörnchen sehe ich nicht, eigentlich gar keine. Noch nicht einmal platt gefahren auf der Straße. Würde man Scrat von dieser Region erzählen, würde er sofort die Ice-Age-Welt verlassen und hierherkommen. Es wäre ein Paradies für Scrat.

Die Schwarzmeerküste – Tipps für Radreisende:

1. Die knapp 800 km von Istanbul nach Sinop sind wirklich steigungsreich (weitere Beschreibung s. o.). Eine Berguntersetzung mit einem sehr kleinen Gang ist stark zu empfehlen, da die meist 2000 m langen Steigungen auf Teilstücken wirklich steil sind. Andernfalls werden die Knie gereizt. Du solltest auch bei 4–5 km/h noch eine angenehme Trittfrequenz haben. Täglich wirst du nicht mehr als 70 km fahren wollen, eher weniger. Die Straße in diesem Abschnitt ist einspurig (pro Richtung) und in gutem, nicht sehr gutem Zustand. Schlaglöcher und Bodenwellen sind kein Problem, wenn du dich bei der Abfahrt konzentrierst. Der Verkehr ist nicht zu stark. Manchmal gibt es nur alle 15 Minuten ein Auto. Große Busse und Sattelschlepper passieren diese Strecke genauso wie rasende Taxis.
2. Einkaufsmöglichkeiten gibt es auch in diesem bevölkerungsärmeren Abschnitt genug. Teilweise gibt es mal für 25 km keine Ortschaft. Doch der nächste Ort hat mindestens einen Minimarkt mit Brot, Joghurt und Früchten. Internet gibt es in den Städten immer in Cafés und Restaurants. In Dörfern gibt es selten WLAN. Die Einheimischen haben Internet auf dem Handy.
3. Trinkbares Wasser gibt es gefühlt alle 2 km aus einem Brunnen. Durchfall habe ich nicht bekommen. Vielleicht ist es sogar von sehr guter Qualität.
4. Im ursprünglichen Sinne „wild gecampt“ habe ich selten-nie. Ich habe mein Glück eher in Ortschaften, auf Rasenflächen versucht. An der Küste sind nur vermüllte Parkplatzbuchten, die ich wenig einladend fand. Ein Versuch wäre es, kleine Seitenwege ins Landesinnere zu fahren. Dort einen ebenen Platz zu finden, stelle ich mir schwierig vor. Doch nicht unmöglich. Ich habe es aufgrund der besseren Erreichbarkeit von Lebensmitteln in den Ortschaften aber gar nicht erst in der Natur probiert.
5. In Ortschaften einen Zeltplatz finden: Frage nach der Polizeistation und frage die meist sehr freundlichen Beamten nach einem Tipp. Meist passiert noch mehr, als dass sie dir einen Park empfehlen. Frage Einheimische nach einem ruhigen Ort, einem Park oder einem privaten Garten. Spielplätze sind meistens sauber, etwas geschützt und abends ruhig. Auch in kleineren Dörfern gibt es Spielplätze. Gab es in Deutschland und Österreich noch hübsche Ziergärten, werden Gärten in ärmeren Ländern häufig zum Gemüseanbau verwendet. Ein Zelt hat dort leider keinen Platz.
6. In vielen Städten gibt es ein sogenanntes Lehrerhaus. Es nennt sich türkisch Ögretmenevi(Ögretmen-Lehrer, evi-Haus). Dort kannst du entweder im Garten campen (hat bei mir in Dogankentgeklappt) oder sehr günstig (etwa 37 TL) im Zimmer schlafen.
7. Baden im Meer ist an vielen überwachten Badestränden mit Ballonierungenmöglich. Größere Städte haben hübsche Strände. Bedenke mögliche gefährliche Strömungen.
8. Die Straße ab kurz hinter Sinopistbis nach Georgien nur noch flach. Die Straße hat nun meist zwei Spuren je Richtung und einen Seitenstreifen, auf dem du fahren wirst. Obwohl die Straße gut ausgebaut ist, hast du nicht das Gefühl am Rand einer Autobahn zu fahren, da die Autos langsamer fahren und manchmal Menschen oder sogar Kühe die Straße kreuzen. Meist hast du Mitwind und kannst locker 25–30 km/h treten. Der Verkehr nimmt allerdings ab Samsun stark zu, kann dich nerven, nervös machen und den Spaß deutlich mindern. Dafür kommst du ab jetzt richtig gut vorran.

Kommentare

  1. Ernst

    Hallo Hannes,

    wir trafen uns als Du mit Samuel auf dem Weg nach Füssen warst. Sind dann bis Füssen zusammen gefahren.

    Da ich jetzt Deinen Blog gefunden habe, kann ich mir den Verlauf Deiner Reise in aller Ruhe ansehen und erfahre, wie es Dir bis jetzt ergangen ist. Wirst auch den einen oder anderen Kommentar von mir bekommen.

    Für heute wünscht Dir gute Reise

    Ernst 🙂

    1. Autor
      des Beitrages
      HannesPeter

      Hallo Ernst, besser spät als nie^^
      Ich erinnere mich, wahrscheinlich hast du jetzt das Video von Samuel gesehen:)
      Ich freue mich deine Meinung in den Kommentaren zu lesen. Bis dann.
      Vielen Dank! Hannes

  2. Maria 70

    Hallo Hannes, ich bewundere Dich. Du bist sehr tapfer und hast einen starken Willen. Mache so weiter! Alles Gute, Maria Hipper

    1. Autor
      des Beitrages
      HannesPeter

      Servus Maria, Danke! Wie sieht es mit deiner Sommertour aus? Nicht nach Paris, aber an den Rhein? Ich bin gespannt:) LG von der georgischen Hochebene, wo Pferde und Kühe frei laufen. Hannes

  3. Sonja Zilly

    Hallo Hannes,

    schön mal wieder von Dir zu lesen. Auch dass es Dir wieder gut geht. Ich werde Deine Bilder und Berichte auch Oma und Opa zeigen, dann können Sie mit Dir mitfiebern, wieweit zu noch kommst. Bleib gesund und freue Dich, diese Erlebnisse werden Dich Dein Leben lang begleiten.

    Gruß Sonja

    1. Autor
      des Beitrages
      HannesPeter

      Hallo Sonja, das ist gut. Danke sehr! Also mein Iranvisum habe ich schon und ich werde es nicht zulassen, dass ich diese 75Euro unnütz ausgegeben habe^^. Mein Aserbaidschan-Visum mache ich gleich Online. Ab dem Iran kann ich mir vorstellen auch mal zu trampen, wie weit ich komme, steht also in den Sternen. Als Abflugflughafen wäre Teheran wohl praktisch…Im Moment bin ich wieder etwas schwach und mache Pause in einer sogenannten Archäologischen Basis mit zwei Georgierinnen, praktisch ist es ein altes Haus, dass neue Fenster bekommen hat 🙂 Morgen möchte ich weiter und in zwei Tagen Tiflis erreichen, dann ist sind es noch etwa 7 Tage nach Baku am Kaspischen Meer. LG Hannes aus Georgien

  4. Alfred Härtl

    Sehr Ereignisreich ! Das ständige Auf und Ab muss doch psychisch und physisch enorm belasten –
    ich bewundere deine Ausdauer ! Es freut mich , dass es dir noch immer gut geht . In der Hoffnung
    dass es weiterhin gut für dich läuft , verbleibe ich mit Dank und den besten Grüßen

    Fredi – aus dem “super sommerlichen” Ingolstadt.

    1. Autor
      des Beitrages
      HannesPeter

      Hallo Alfred, in Kars hatte ich mal die Möglichkeit die Tagesschau zu schauen und war ganz fasziniert, was in Deutschland auf Grund der Temperaturen los ist. Während die einen sich an der Nordseeküste in der Sonne braten, kämpft der Bauer von nebenan um die Existenz.
      So wie du es aussprichst, fühle ich mich im Moment auch manchmal. Manchmal mache ich mir Sorgen um genügend Essen (da die Abstände zwischen den Städten größer werden) und gerade bin ich wieder einmal ein bisschen schwach und flau im Magen, sodass ich einen Pausentag einlege, der nicht vorgesehen war. Dennoch habe ich viel Glück bei Begegnungen und ich freue mich schon aufs weiterfahren…es geht hinunter von der Hochebene nach Tiflis. LG und Danke für den Kommi, Hannes aus Georgien

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