Durch Dschungel und Steppe ins ferne Teheran

Statistik zur Etappe Baku-Teheran:

  • Tag der Abfahrt in Baku: Tag 110; Mi, 22.8.18
  • Tag der Ankunft in Teheran: Tag 119; Fr, 31.8.18
  • Kilometer für diese Etappe: 716 km mit dem Fahrrad, 140km mit dem Auto getrampt
  • maximale Kilometer pro Tag geradelt: 104 km
  • Von Autos mitgenommen worden: 3 mal
  • bereiste Länder: Aserbaidschan, Iran
  • Platten: keinen
  • größter Fehler: mit zu wenig Bargeld in den Iran eingereist
  • Begleitung: Michiel aus den Niederlanden ab zweitem Tag im Iran
  • Übernachtungen:
    – im Zelt: 4 Nächte
    – spontane Einladung: 4 Nächte auf Betten/Couch

Kennst du den Iran?

Wenn ich früher an den Iran dachte, stiegen in mir Bilder der Tagesschau von Attentaten, Terroristen und Kriegen in den Kopf. Iran, Irak, Afghanistan – welcher gebildete Europäer kann die Länder des Nahen Ostens schon unterscheiden? Erschütternd wenige. Dabei wäre es so wichtig, um Kriegspropaganda nicht schonungslos ausgesetzt zu sein. Zum Beispiel beim Irakkrieg 2003, einer völkerrechtswidrigen Militärinvasion, die niemals hätte passieren dürfen. Trotz des UNO-Gewaltverbots und fehlenden UNO-Mandats kam es zum Angriff gegen den Irak, der im Zuge des „Kriegs gegen den Terror“ vollzogen werden sollte. Die Bilder in meinem Kopf stammen aus dieser Zeit und den Jahren danach und ich habe das Nachbarland Iran mit dem Irak verwechselt. Der Iran hat 81 Millionen Einwohner, sein Nachbarland Irak 38 Millionen. Das Entspricht in Europa sogar ziemlich genau den Ländern Deutschland und Polen. Doch der Iran und der Nahe Osten sind so weit weg und oft vergessen wir, dass die Menschen die dort wohnen eben auch nur Menschen wie du und ich sind. Sie wollen ein friedliches Leben leben, Kinder bekommen und alt werden. Wie schnell vergessen wir im Strom von negativen Nachrichten aus dieser Weltregion diese letztgenannte Seite der Medaille. Wir sollten uns dessen stärker bewusst werden, vielleicht können die neuen Geflüchteten in Deutschland dabei helfen. Wir sind alles Menschen.

Erst bei meinen Recherchen zu meiner Radreise lernte ich die beiden Länder etwas zu unterscheiden. Zwei verschiedene souveräne Staaten von denen ich bis jetzt nur eines erleben konnte: den Iran.

Eine letzte Etappe

Von Ingolstadt nach Baku bin ich in 110 Tagen ziemlich genau 6090 Kilometer mit meinem Fahrrad gefahren. In dieser Zeit war ich 30 Tage nicht auf dem Sattel, sondern habe mich ausgeruht, Städte betrachtet oder war krank. Die letzte ausstehende Etappe Baku-Teheran wird noch 800 Kilometer zur Gesamtzahl dazu bringen. Die ersten Tage entlang der Küste des Kaspischen Meeres stelle ich mir in meiner Fantasie flach vor, danach geht es laut Höhenprofil, dass ich auf meinem Laptop aufrufe bis auf 1500 Meter hoch in die iranischen Berge. Wie werden die Berge in diesem unbekannten Land aussehen? Ganz anders als die Berge, die ich bis jetzt kennengelernt habe? Vielleicht viel trockener und sandig?

Die Landschaft hinter Baku wird mir als sehr vegetationsarm angekündigt: „Dort wächst nichts über Knöchelhöhe“ erzählt der Besitzer meines Hostels. Später werde ich bei der Grenzstadt Astara mein Visum für den Iran benötigen und mein Geld in die Landeswährung Rial umwechseln. „Im Iran fahren die Leute wie Sau! Entweder du stirbst langfristig an den Folgen der Luftverschmutzung oder kurzfristig bei einem Unfall“ warnt mich mein deutscher Freund Vincent scherzend. Unrecht hat er nicht, denn der Iran führt die internationale Statistik an. Durchschnittlich gibt es drei Verkehrstote pro Stunde.

Vincent ist selbst auch Radreisender und befindet sich bereits einen Monat vor mir im Iran. Wir beide hatten in der Türkei nacheinander denselben Couchsurfing-Gastgeber. Seitdem fahren wir mit wenigen Wochen Abstand hintereinander. In Erzurum in der Türkei wollten wir uns treffen, doch da kam meine Lebensmittelvergiftung dazwischen. Jetzt haben wir uns damit abgefunden, dass wir uns wohl erst in Deutschland kennen lernen werden. Wir halten uns über Sprachnachrichten auf dem Laufenden, was sehr gut tut. Er selbst ist von der Türkei (über den Van-See) in den Iran eingereist und hatte tagelang extremen Gegenwind, der es ihm kaum erlaubt hat schneller als 12 km/h zu fahren. Somit hatte ich auch meine Bedenken, vielleicht würde ich denselben Schikanen ausgesetzt sein.

Als Ziel steht die Millionenstadt Teheran, ein mächtiger Name wie ich finde, wo ich mehrere Tage bei einer iranischen Familie bleiben kann. Die Familie rund um die sportliche, geschäftstüchtige Familienmutter und Rentnerin Simin hat bereits Vincent beherbergt und ich bin gespannt sie kennenzulernen, schließlich habe ich durch Vincent schon einiges von ihnen gehört.

Kein Fleiß – kein Preis – bis ich in Teheran bin, muss ich erst mal in die Pedale steigen. Los geht es! ent 3;\lsd


Ein letzter Zufall in Baku

Baku zu verlassen, fühlt sich sehr aufregend an. Ich bin nervös, als hätte ich Zweifel das Alles gut wird, als hätte ich keine Erfahrung im Radreisen. Mein Selbstbewusstsein ist vielleicht gerade etwas angekratzt. Schließlich hatte ich zuvor einen Niederländer im Hostel getroffen, der auch auf dem Weg nach Teheran ist. Er wollte nicht auf mich warten und ist am selben Tag noch losgefahren. Ich pflege andere Kontakte und verschicke vor dem Verlassen der Großstadt Postkarten. Die gut temperierte Postfiliale ist modern und aufgeräumt und die freundliche Mitarbeiterin verlangt nicht viel für die Karten in die Heimat. Danach schaue ich noch geschwind in ein Einkaufszentrum, um nach langen Hosen für den Iran zu schauen, genauer gesagt nach einer arabischen Herrenhose mit lockerem Schnitt. Eine alte Frau bietet an, währenddessen auf mein Fahrrad auf zupasst, was mich sehr rührt. Noch mehr überrascht mich und das ist wirklich ein genialer Zufall, dass ich beim Hinausgehen einer alten Bekannten begegne. Die Schweizerin Monika ist in der Stadt und auch gerade auf dem Weg in den gleichen Shoppingcenter. Begleitet wird sie von ihrem Couchsurfing-Gastgeber, sodass wir uns überrascht in die Arme fallen, dann aber wohl endgültig getrennten Weges gehen.

Flaggen von Kopf bis Fuß

Ich verlasse die Zwei-Millionenstadt Baku auf der großen Autobahn Richtung Südwesten. Während meines dreitägigen Aufenthalts ist mir gar nicht aufgefallen wie dreckig Baku sein soll. Ich lese, dass Baku auf der Forbes-Liste der dreckigsten Metropolen der Welt noch vor Mumbai (Platz 7) und Dhaka (Platz 2) ganz oben steht. Ausschlaggebende Kriterien sollen die Luftverschmutzung durch die Erdölgewinnung, die Wasserverschmutzung und die schlechte Gesundheitsversorgung und Hygiene sein. Luftschadstoffe habe ich natürlich nicht gemessen, aber beim Verlassen der Stadt sehe ich die unermüdlich nickenden Pferdekopfpumpen zur Erdölgewinnung direkt am Kaspischen Meer.

Bei meiner ersten Pause an einer Zollstation werde ich von einem anderen Radler eingeholt. Ich lerne den Radreisenden Sherov aus Usbekistan kennen, welcher die Aserbaidschaner vor Ort gut versteht. Er scheint von sich selbst sehr überzeugt und sehr stolz auf sein Heimatland Usbekistan zu sein. Schließlich trägt er die grün-weiß-blaue Flagge seines Landes bestimmt an fünf oder mehr Stellen seiner Ausrüstung und Kleidung. Zusätzlich weht hinter seinem Sattel die Aserbaidschanische blau-rot-grüne Flagge, eine nette Geste als Besucher dieses Landes. Er scheint so ein alter Hase im Radreisegeschäft zu sein, dass er sogar seine Route ausgedruckt, laminiert und dann an seine Packtasche angehängt hat. Somit kann er Fragen nach seiner Route schnell beantworten. Dieses Mal scheint er auf dem Weg nach Istanbul über Tiflis zu sein, so richtig habe ich seine Route aber nicht verstanden, schließlich fährt er mit mir gerade nach Süden, nicht nach Norden-Westen. Doch wer bei Google Maps die Navigation von Baku nach Tiflis eingibt, wird erkennen, dass es tatsächlich mindestens zwei mögliche Routen gibt. Die eine Route, die Sherov nehmen wird und die andere etwas nördlichere mit mehr Steigungen, die ich einige Tage zuvor von Tiflis genommen hatte. Doch nun zu meinem neuen Begleiter: Als Oberteil trägt er keine Funktionswäsche, sondern ein bedrucktes T-Shirt mit der Skyline von Baku, einem Herrscher-Gesicht und natürlich den zuvor genannten beiden Landesflaggen.

Das Bett war gut gemeint

Ich frage mich, ob er auf einer Art Tour zur Landesverständigung ist. In jedem Fall gibt sich Sherov zu unseren neuen Gastgebern, die uns von dem Supermarkt zu sich nach Hause geführt haben, sehr freundlich. Ob er sie komplett versteht, bin ich mir nicht sicher. Wir genießen Joghurt und Suppe. Das Kuhfleisch für die Suppe wird in einem separaten Raum von den Frauen der Familie wohl gerade erst vom Knochen entfernt. Es scheint nämlich Schlachtfest zu sein, da ich aber nicht sicher bin in wie weit mein Kontakt mit den Frauen gewünscht ist – ich trage nämlich nur meine kurze und enge Radl-Hose – traue ich mich nicht weiter nachzufragen. Außerdem verstehe ich die Leute einfach nicht.

Die aserbaidschanischen Gastgeber scheinen mit Sherov einen Plan für unsere Nacht ausgearbeitet zu haben und wir werden in einen weißen Renault gesetzt. Wir haben immer noch unsere durchgeschwitzte Rad-Kleidung an und nehmen auf diese vermeintlich kurze Tour nichts Weiteres als unsere Handys mit. Die Fahrräder und die Ausrüstung steht bei der Familie im Innenhof – ungesichert – mit Portemonnaie und Reisepass. Wo könnten wir gerade hinfahren, frage ich mich? Vielleicht ans Wasser des Kaspischen Meers zum Baden? Doch irgendwie bekommen wir das Gefühl, dass unsere Gastgeber uns zum Übernachten woanders hinfahren wollen. Doch halt, das wäre ja absurd! Der große Teppich im Innenhof wäre doch optimal für uns gewesen, dort hätten wir ganz entspannt die Nacht in der Nähe unsere Fahrräder verbringen können. Doch das Schicksal meint es anders und will mich wohl in die unnötigste und absurdeste Situation meiner Reise schmeißen. Ich versuche wie bei einer Entführung mitzuverfolgen wo wir hinfahren: Erst zehn Minuten Autobahn zurück Richtung Baku, dann einige Zeit auf holperiger Buckelpiste durch ein halb verlassenes Dorf. Wir steigen aus und werde in ein uneingerichtetes Haus geführt, die Toilette ist ein Loch in einer Baracke und ein Wassertank aus Beton enthält unser Trinkwasser dar. Die einzigen Möbel für die Nacht sind zwei buckelige Sofas, ich habe dazu einfach keine Lust und will zu unseren Gastgebern am liebsten sagen: „Da ist zwar nett gemeint, aber ich wurde dazu nicht gefragt und würde jetzt einfach gerne wieder zu meinem Fahrrad zurückkehren. Ich jedenfalls werde hier heute nicht schlafen!“

Doch meine Gastgeber würden mein undankbares Gebrabbel nicht verstehen und so liege ich in dieser Nacht auf ebendiesem Sofa. Die Steckmücken fallen über mich und auch über Sherov her und ich habe keine Decke um mich zu schützen, nur ein paar Kissen, die ich auf mir verteile. Sie decken nur wenig Fläche ab und rollen natürlich gleich wieder von mir herunter. Wie kommen diese Aserbaidschaner auf diese Schnapsidee, uns in dieses Haus zu verfrachten? Ich werde es nie wissen, es war wohl wirklich gut gemeint. Am nächsten Morgen werden wir wieder mit dem Auto abgeholt und bekommen Frühstück. Immerhin das. Mensch, eigentlich bin ich echt undankbar.

Die Fähre über das Kaspische Meer

Mit Sherov geht es jetzt weiter. Die Radfahr-Kleidung haben wir ja schon an und die Straße führt ganz einfach Richtung Süden. Wir kommen am sagenumwobenen Fähranleger „Baku International Sea Trade Port“ vorbei. Hier legen Fähren nach Turkmenistan und Kasachstan ab, sodass Weltumradler häufig diese Fähre nehmen, um schneller in die sogenannten `Stans (Kirgistan, Tadschikistan, Turkemistan,..) zu kommen. (weiteres Infos: https://caravanistan.com/transport/caspian-sea-ferry/) So benutzte auch der Amerikaner Zach diese Fähre, davor musste er einige Tage auf das Ablegen der Fähre warten. Zach hatte mich vom Balkan bis nach Istanbul begleitet. Er muss vor wenigen Tagen hier abgelegt haben, schließlich hatten wir uns in Tiflis ja nochmal auf ein Bier getroffen.

Wenige Kilometer nach dem Hafen kündigt Sherov mir an, dass er bald die Abbiegung Richtung Tiflis nehmen wird. Da wir nicht wirklich gut kommunizieren konnten und er auch ein bisschen einzelgängerisch war, ist es für mich auch nicht schlimm ihn fahren zu lassen.

Die Landschaft hier wenige Kilometer südlich der Öl-Hauptstadt Baku ist öde, hässlich und durch die Erdölindustrie wahrscheinlich auch stark verschmutzt.

Die Leute, die hier leben tun mir fast schon Leid. Wie angekündigt wächst hier kaum etwas über Knöchelhöhe. Der Straßengraben ist staubig und tot. Die schönsten Fleckchen Erde sind die erstaunlich gepflegten Gärten der Tankstellen und Polizeistationen. Links der vierspurigen Straße ist irgendwo immer in wechselndem Abstand das Kaspische Meer, von dem häufig ein kräftiger Wind bläst und rechts der Straße ist in einiger Entfernung eine Bergkette, dazwischen eine Bahnlinie. Dort zwischen herrscht die Erosion, nichts Schönes wächst dort.

Vom Tiertrainernbedarf auf der Autobahn

Am nächsten Tag werde ich auf der Straße zweimal fast von großen Lastwagen überrollt und angehupt. Ich bin sehr gefrustet und habe keine Lust aufs Zelten. Ich mache Freudensprünge, als ein Mann mir am Abend zusagt, dass ich bei ihm schlafen kann.

In Richtung iranische Grenze wird die Landschaft wieder schöner, die Bergkette nähert sich mir von der Seite an, die Hügel sind nun nebelverhangen und bewachsen und die Felder wieder grün.

Es ist mein letzter Reisetag in Aserbaidschan und ich fahre auf einer fertiggestellten, aber noch nicht eingeweihten Autobahn. In wenigen Tagen soll der Staatschef Aserbaidschans Ilcham Alijev den Neubau eröffnen. Die seltenen Einfahrten sind provisorisch mit Erdhügeln versperrt. Doch Fahrspuren in den Haufen erzählen von mutigen Fahrern, die es anscheinend nicht einsahen bis zur Eröffnung zu warten. So sehe ich es auch und fahre über den Erdhügel auf die aserbaidschanische Autobahn. Endlich habe ich Zeit ungestört meine heruntergeladenen Podcasts zu hören. Ab und zu mache ich zusammen mit Kühen unter einer Brücke rast und trinke. Ja mit Kühen, denn neben vereinzelten Rasern, gibt es jede Menge Kühe auf der eingezäunten Autobahn. Dementsprechend sind lange Stücke gnadenlos mit Urinflecken und Kuhfladen verdreckt. Ich stelle mir vor, wie Staatschef Alijev bei der Einweihung das rote Band zerschneidet und danach mit einem Sportwagen auf die Autobahn gefahren wird. Um die Zeitersparnis durch die neue Streckenführung zu beweisen, drückt der Fahrer mächtig aufs Gas. Die ersten Kilometer ist die Fahrt ruhig, doch immer wieder und vor allem unter Brücken ruckelt der Wagen wie auf Pflastersteinen. „Warum ist unsere schöne neue Autobahn so buckelig?“ fragt dann Alijev. Worauf der Straßenbauingenieur antwortet: “Das liegt an den Kühen, die den Randstreifen kurz halten sollen. Wir konnten sie noch nicht dazu bewegen auch nur dort ihr Geschäft zu machen. Wir setzen bereits Tiertrainer ein, wobei es erste Erfolge gibt…“ Das wird eine schöne Eröffnung!

Am Abend komme ich in der Grenzstadt Astara an. Sie existiert sowohl vor als auch hinter der Grenze, wie genau die Stadt regiert wird, ist mir also schleierhaft. Die Stadt liegt direkt am Kaspischen Meer und ich entscheide mich zum Strand zu gehen und zu schauen was mich dort erwartet. Vielleicht kann ich dort mein Zelt aufschlagen. Tatsächlich komme ich an einen Strand mit Promenade und Restaurants, es hätte auch ganz anders aussehen können. Meine Augen scannen die Umgebung nach einem guten Zeltplatz. Zufrieden bin ich nicht, was sich gleich auf meine Stimmung niederschlägt. Doch egal was ist, eines habe ich mir nun wirklich verdient: Mein erstes Bad im Kaspischen Meer, dem größten See der Welt. Der schwarze Sand ist noch warm vom Tag und das Wasser sowieso. Mit einigen anderen Männern genieße ich das Bad in den Wellen.

Da mir kein Platz in der Nähe zum Zelten gefällt, verbringe ich die Nacht weiterhin am Strand. Dort steht nämlich ein Aussichtsturm der Wasserwacht, auf dem ich es mir gemütlich mache.

Grenztag

Heute ist Grenztag! Ein neues Land steht an. Es wird also anstrengend, denn viele Eindrücke muss ich verarbeiten, neue Regeln beachten, Währungen einschätzen und Sprachen lernen. Vor dem Grenzübertritt kaufe ich noch schnell eine lange Hose wegen des Kleidergebots. Der Grenzübertritt erfolgt dann so: Auf der aserbaidschanischen Seite werde ich an zwei Stellen nach dem Reisepass gefragt. Am iranischen Grenzhaus muss ich einmal den Pass vorzeigen und darf weitergehen. Ich gehe um eine Ecke, durch eine Tür…und bin im Iran. Das ging unerwartet einfach, wenn man betrachtet wie schwierig oder gar unmöglich es für manche Menschen (Amerikaner/Briten) ist überhaupt ein Visum für den Iran zu bekommen. Zugegebenermaßen war es für mich auch nicht einfach, aber das lang an meiner Schusseligkeit. Ich hatte nur Probleme, weil ich beim Antrag des Visums in der Türkei das obligatorische Antragsformular nicht mitgebracht habe.

Doch nun bin ich hinter der Grenze und das ist gut so. Ich brauche natürlich neues Geld, denn mit dem Aserbaidschanischen kann ich hier nichts mehr anfangen. Über den Kurs habe ich mich noch zuvor informiert. Doch so viele Geldscheine wie der erste Geldwechsler mir in die Hand drückt, kann ich in meinem momentanen emotionalen Zustand gar nicht kontrollieren. Es sind lauter 50.000 Rial Scheine, ein ganz ungewohntes Gefühl mit so großen Zahlen zu rechnen.

Die Straßenhändler verkaufen alles Mögliche auf der Straße. Waren sind zu Türmen vor den Läden aufgehäuft, sogar Packungen mit Waschmittel sind zu Türmen im Freien aufgehäuft. Heute morgen hatte ich noch Lust auf ein neues Land, doch dann ist es mir zu hektisch und nervig. Ich setze mich an die erstbeste Suppenküche und brauche eine Pause. Was soll ich hier nur? Wo möchte ich hin?

Ich fahre weiter und würde am liebsten richtig Kilometer schruppen, doch ich fühle mich einfach nicht fit genug. Sowie mental als auch körperlich. Ich denke wehmütig an Michiel, einen Niederländer, den ich spontan in Baku kennengelernt hatte. Wir hatten uns in einem Hostel kennengelernt, in dem für mich kein Platz mehr war. So hatten wir uns für den nächsten Tag zum Mittagessen verabredet, wo wir uns viel erzählen konnten. Es hatte sich dann herausgestellt, dass sein nächstes Ziel auch Teheran ist. Nun hat er einen Tag Vorsprung auf dem Weg dorthin, denn in Baku wollte er nicht auf mich warten. Ganz verständlich, schließlich kannten wir uns kaum und hatten uns auch nur einmal getroffen. Doch nun wäre ich gerne in seiner Begleitung.

Frühstück auf Iranisch

Am nächsten Tag wache ich auf meiner Noppen-Iso-Matte auf. Der Untergrund ist buckelig und hart, doch immerhin habe ich ein Dach über dem Kopf. In der iranischen Stadt Talesh, etwa 80 Kilometer hinter der Grenzstadt Astara hatte mich am Tag zuvor die freundliche Ehefrau Risbas zu sich nach Hause eingeladen. Dazu hat sie mich den grünen Berg hinauf nach Hause geführt und mir einen improvisierten Schlafplatz im Rohbau des Obergeschosses angeboten. Das war auch gut so, denn ich kam bei leichtem Regen in der Stadt an, war sehr hungrig, etwas ausgelaugt und war gerade auf dem öligen Boden vor einer Autowerkstatt ausgerutscht. Nun bekomme ich dünnes und genopptes Brot, Feigenmarmelade und Ei zum Frühstück. Das Brot wird übrigens Lavosh genannt und ist wie alle anderen Brotsorten hier aus Weißmehl und unterscheidet sich nur durch die Art der Zubereitung von anderen Broten. Jetzt wird es Zeit für mich aufzubrechen und mich um eine SIM-Karte zu kümmern. Schließlich werde ich meinen Flug nach Hause und alles mögliche vom Iran aus organisieren müssen, da kann eine gute Internetverbindung nicht schaden. Risbas´ Ehemann fährt mit dem Moped voraus zur Irancell-Filiale, die komplett in Gelb gehalten ist. Ich bin dankbar, dass er dabei ist und schließlich muss er auch noch den 1-Monats-Vertrag für mich abschließen, da die Mitarbeiter mit den lateinischen Buchstaben meines Reisepasses nicht ihr Formblatt ausfüllen können. Ja, ich bin weit weg von zu Hause. Knappe 5000 Kilometer, wenn man den direktesten Weg nehmen würde.

Alleine, weit weg von zu Hause

Auf dem breiten Seitenstreifen der Straße Richtung Großstadt Rascht komme ich gut voran, würde aber gerne wieder mit Begleitung fahren. Das Fahren macht mir momentan wenig Spaß und für ein gutes Gefühl von Sicherheit bräuchte ich eine weitere Person an meiner Seite. Es gibt Leute, die könnten sich nie vorstellen eine so lange Reise alleine anzugehen, andere würden nie jemand an ihre Seite lassen. Bei mir ist es etwas dazwischen, ich versuche beide Seiten zu bekommen und nun war ich wieder lange genug alleine auf der Straße. Dabei war ich natürlich nie wirklich alleine, denn um mich herum ist der Verkehr voller Menschen. Doch so sagte einmal ein erfahrener Radreisender zu mir: „Dir wird auffallen, dass du als Reisender wie auf einer Linie lebst, nur die Menschen um dich herum leben in Kreisen.“ Ja es stimmt, ich habe wohl erfahren was er meinte.

Ich rolle auf dem erstaunlich guten Asphalt und schaue nach vorne. Was ist das dort vorne, ich weiß es sofort: Michiel – er muss es sein. Eine Zeit fahre ich bewusst hinter ihm, er entdeckt mich nicht, ich bin aufgeregt. Doch dann sieht er mich und wir umarmen uns. Ab jetzt geht es zusammen weiter. Wir bilden eine kurze Karawane durch den iranischen Dschungel.

Die Landschaft tauscht sich aus

Ab jetzt wird wieder mehr gezeltet und selbst gekocht. Wir bemerken zusammen, wie verrückt die Iraner aufs Zelten und Picknicken sind, wie sie die Gesetze des Landes umgehen, froh und gastfreundlich sind. Die Landschaft um uns herum ist grün, Reis wächst auf fruchtbaren Böden und die Iraner nennen diese waldige Region den „Dschungel“, denn sonst sind sie die trockene Steppe gewohnt. In den nächsten Tagen kommen wir in die Berge und die freundlich grüne Landschaft wird durch eine trockene, heiße und sandfarbene ausgetauscht. Die zweite Nacht im Zelt verbringen wir mitten in der Stadt Rudbar in einem kleinen Park in der Nähe von der Landstraße, die weiter ins Gebirge führt. Die Stadt stellt durch ihre Lage im Tal das Tor zwischen der nördlichen Provinz Gīlān und Mittel-Iran dar. Wir sind noch 270 Kilometer von Teheran entfernt. Rudbar ist bekannt für cremefarbene und handgefertigte Teppiche, sowie für diverse Oliven-Spezialitäten. Von diesen bekommen wir zu kosten, da am Rand der Straße aus großen blauen Fässern eingelegte Oliven und Knoblauch verkauft werden. Viel mehr können wir allerdings mit den ofenfrischen, zuckersüßen Zimtkeksen anfangen.

Michiel und ich kommen bei den Einkäufen auf die Landeswährung Rial zu reden und wie verwirrend das Tauschen mit den Geldwechslern hinter der Grenze war. „Ich bin mir noch nicht sicher, aber es müsste eigentlich 12.000 Rial für einen Euro geben.“, sage ich und schaue in Michiels ungläubiges Gesicht. „Das kann nicht sein, denn ich habe viel weniger an der Grenze bekommen. Und ich habe insgesamt 250 Dollar eingetauscht. Für einen viel geringeren Wechselkurs von vielleicht 5.000 Rial pro Dollar.“ „Ja, das ist ja verwirrend und im Internet ist aber immer von den 12.000 die Rede. Aber mal ganz generell: Warum hast du überhaupt so viel Bargeld am Mann?“

Michiel schaut mich an und zieht die Augenbrauen hoch und fragt zurück: „Ja wusstest du nicht, dass man im Iran kein Geld abheben kann?“ „Doch wohl, muss ja gehen, also mit meiner Visa Karte an den Bankautomaten, die hier an jeder Ecke stehen. Die hat in den letzten Ländern ja auch ihren Job gemacht.“ entgegne ich mit der Befürchtung eventuell einen wichtigen Hinweis über den Iran bei der Recherche überlesen zu haben. „Der Iran ist nicht an das westliche Geldsystem angeschlossen. Als Tourist muss man genügend Bargeld für die gesamte Zeit im Land dabei haben…sonst ist man aufgeschmissen“. „So wie ich?“ „Nein, ich kann dir etwas Geld leihen.“

Später stellt sich heraus, das Michiel beim Geldwechseln an der Grenze wohl eine Menge Geld verloren hatte. Dennoch konnte er unsere Ausgaben für die nächsten Tage zahlen, nicht zuletzt da ein Hauptgericht am Straßenrand Rund zwei Euro kostet.

Camping-Nation?

Als wir morgens in unseren Einmannzelten aufwachen, sind wir überrascht über unsere neuen Nachbarn. Während wir geschlafen haben, müssen dutzende Menschen um uns herum Zelte aufgebaut haben, denn dort stehen sie jetzt. Viele hohe quadratische Wurfzelte, alle im selben Stil. Ein verwirrendes Gefühl es nicht mitbekommen zuhaben, zudem fragt man sich, wer so spät nach uns noch sein Zelt aufbaut!? Die Iraner!

Als wir wieder über den Asphalt rollen, werden wir von staubigen, angefressenen Rostlauben überholt. Was mir schon von anderen Reisenden berichtet wurde, bewahrheitet sich: Die Trucks aus dem Museum rollen im Iran noch. Und vor allem blasen sie gewaltige schwarze Rußwolken heraus.

In Georgien konnte ich die Lastkraftwagen aus dem Iran schon zuvor erleben, sie waren dort vor allem mit Kraftstofftanks beladen. Wenn ich einen besonders zerfressenen Truck mit dicker Abgaswolke sah, wusste ich,dass das Nummerschild „IRAN“ zeigt.

Nach unserer Mittagspause kauft Michiel Lebensmittel für die nächsten 36 Stunden ein, denn wir wissen nicht, wann der nächste Supermarkt kommt. Michiel kommt mit Unmengen an Obst und Gemüse und Wasserflaschen zurück. Nachdem wir die Ladung verteilt haben ist mein Fahrrad so schwer wie noch nie und mit acht Litern Wasser bepackt. Wir sind gewappnet für eine Nacht in der Wildnis und fahren weiter. Es geht kontinuierlich bergauf, wahrscheinlich für die nächsten 70 Kilometer. Da wir darauf keine Lust haben und uns nichts beweisen wollen stecken wir die Hand heraus, vielleicht nimmt uns jemand mit. Die blauen Samyad-Trucks, die mit der kleinen Ladefläche und den drei Sitzplätzen vorne sind perfekt für uns und fahren hier regelmäßig auf der kurvigen Straße. Für nur wenige tausend Rial werden wir die nächsten 65 Kilometer nach Qazvin mitgenommen, das knappe Geld und mein Zeitplan sind weitere Gründe für das Trampen. Wenn meine Großmutter einen Grund hatte sich Sorgen um meine Sicherheit bei dieser Reise zu machen, dann jetzt. Denn unser junger Fahrer hatte es eilig und wollte möglichst viele der großen Laster überholen. Dabei wagte er sich in drastische Überholmanöver, bei denen wir in der Außenkurve überholten und kaum Sicht auf Gegenverkehr hatten. Auf etwas ruhigeren Kilometern brannte er sich sein Hasch mit Feuerzeug und Löffel. Michiel genoss die Landschaft und ich dachte an meine Oma.

Doch Dank des riskanten Rittes sind wir Teheran ein gutes Stück näher gerückt und nun nur noch zwei Tagestouren entfernt. Wie auch in den Tagen zuvor kochen wir an diesem Abend mit Begeisterung mehr oder weniger bewährte und erprobte Rezepte. Ehrlich gesagt kochen wir vorwiegend mit den Zutaten, die sich gut transportieren lassen, oder die es irgendwie geschafft haben unsere Aufmerksamkeit zu bekommen. Zum Abendessen gibt es ein Linsengericht mit Tomate, Paprika und Zwiebeln. Wir befinden uns im Mellat-Park von Qazvin und von nebenan weht der Geruch von gegrilltem Fleisch herüber, die Iraner kennen beim Picknick keine halben Sachen. Wenn sie eines machen, dann richtig.

Wir fahren zum Schlafen in die Schlafstadt Karadsch

Zum Frühstück am nächsten Tag gibt es bei uns mal wieder etwas Deftiges, nämlich gebratene Kartoffeln mit Spiegelei. Dieses Gericht ist nur möglich, da Michiel eine kleine Pfanne aus seiner Reisetasche hervorkramt. Trotz des guten Frühstücks fühlen wir beide uns nicht ganz fit und denken schon wieder über den nächsten „lift“ nach, also über die nächste Mitfahrgelegenheit. Nach 50 Kilometern auf dem Rad und mehreren Pausen bei Brot und Rosenmarmelade, werden wir vom nächsten Saipa Samyad mitgenommen. Diese Art Pickup fährt hier stehts im selben Blauton über die Straßen und wird von Handwerkern und Bauern wegen seiner großen offenen Ladefläche geschätzt. Doch diesmal bekommen wir einen Weißen, wie im Foto zu sehen ist. Unterwegs machen wir einen Tankstopp und Michiel und ich bewundern die Zapfsäule mit den iranischen Ziffern. Mittlerweile sind wir soweit, dass wir die Zahlen von Eins bis Zehn unterscheiden können: jek, do, se, tschahar, pensj, schisch, haft, hascht, noh, däh. Hallo ist wie in den Ländern zuvor das „Salam“ und Tschüss ist „Khodafez“, Danke ist „Mamnun“ und schön dich zu treffen ist „Az didane tun khoshalam“, Ich heiße ist „Esme men“.

Die Stadt Karadsch gilt mit ihren drei Millionen Einwohnern als eine der größten Schlafstädte der Welt. Als Trabantenstadt von Teheran hat sie vor allem die Aufgabe den ArbeiterInnen die täglich nach Teheran pendeln eine Wohnung zum Schlafen zu geben, da in Teheran Wohnungsmangel herrscht.

Bei unserer Schlafplatzsuche vertrauen wir mittlerweile auf die innerstädtischen Parks und landen in Karadsch in einem Park, der eher einem Vergnügungspark ähnelt. Laute Musik, laufende Kinder und natürlich grillende Familien. Wir gesellen uns dazu, doch irgendetwas ist anders. Keine andere Gruppe scheint die Nacht dort bleiben zu wollen, ob das etwas zu bedeuten hat? Wir haben keine andere Wahl und bauen sehr müde unsere Zelte auf. Jetzt haben wir uns eine erholsame Nacht verdient.

Das Picknicken in der Natur, im Park oder sogar am Rand der Schnellstraße scheint in der iranischen Freizeitkultur verankert. Kein Wunder, das Parks einen so hohen Stellenwert haben und soviel Pflege in sie gesteckt wird. Da das Wetter tagsüber nun einmal sehr heiß ist, werden Parkanlagen dementsprechend abends oder nachts von den Gärtnern gepflegt und gewässert. So wird auch unser Park und unser Zeltplatz regelmäßig künstlich beregnet – per automatischem Sprenkler – um 5 Uhr morgens – auch diese Nacht. Wir haben Glück im Unglück: Ein Mann der Parkverwaltung weckt uns um 4 Uhr morgens und gibt uns zu verstehen, dass wir bald verschwinden müssen, wenn wir nicht nass werden wollen. Dies wäre eigentlich ein guter Test für die Regendichtigkeit unserer Zelte gewesen, doch darauf wollen wir es nicht ankommen lassen. Mir ist schlecht vor Müdigkeit, doch immerhin schaffen wir es im Gebetsraum des Parks bis zum Morgen auszuschlafen.

Die letzten Kilometer einer langen Reise

Der letzte Tag im August ist also der letzte Tag auf dem Sattel meiner Reise. Es stehen noch 50 Kilometer bis Teheran vor uns. Die Hauptstadt des Irans hat seit den 1950er Jahren drastisch an Einwohnern gewonnen. Durch den Zuzug von Migranten aus dem Umland und die Eingemeindung von Vororten stieg die Einwohnerzahl von 1,5 Millionen im Jahr 1956 auf heute über 8 Millionen. Auch die islamische Revolution 1979 und der erste Golfkrieg in den 80er Jahren verstärkten die Landflucht und die Wohnungsnot in Teheran und die Entwicklung von kleinen Vororten zu Millionenstädten wie eben Karadsch.

Für Michiel und mich ist es wieder ein gewohnt heißer Tag auf unseren gewohnt schwer beladenen Fahrrädern auf gewohnt viel befahrenen Schnellstraßen. Man darf sich keine Illusionen machen, Radwege gibt es schon seit Italien nicht mehr und wir fahren, wenn es geht auf dem Seitenstreifen.

Dass dies mein letzter Tag auf dem Sattel ist, ist mir bewusst. Das ist auch gut so, die letzten Tage waren anstrengend und auszerend. Das auch diese Reise ein Ende haben wird, darauf konnte ich mich lange genug vorbereiten und deswegen bin ich auch nicht traurig. Für Michiel wird es noch lange weiter gehen, schließlich wird er nach dem Aufenthalt in Teheran nach Indien fliegen und das Land von Süden nach Norden durchqueeren. Danach geht es für den Niederländer nach Singapur.

Wie fährt sich eigentlich ein anderes Reiserad frage ich mich und tausche kurzerhand mit Michiel die Räder? So kommen wir jeweils auf dem Vehicel des Anderen am Azadi-Turm in Teheran an und bemerken, dass das eigene Rad doch irgendwie das Beste ist. Der beeindruckende, 45 Meter hohe „Freiheitsturm“ ist vollständig mit Marmorplatten aus Zentral-Iran bedeckt und steht in der Mitte eines gigantischen Kreisverkehrs. Wer von Westen nach Teheran hineinfährt, kommt an diesem gigantischen Bauwerk normalerweise nicht vorbei. Am Fuße des Turms kaufen wir uns ein Eis bei einem Mann, der dieses aus einer Styroporschachtel nimmt und setzen uns in den Schatten. Wer hätte es gedacht, wir werden von einem Mann angesprochen, der wie Michiel aus den Niederlanden kommt und auch auf Radreise gehen wird. Maarten (maartenoudakker) selbst ist auch auf Weltreise mit dem Fahrrad und auf dem Weg zurück in die Niederlande. Er hat also in etwa die Route vor sich, die wir hinter uns haben. Maarten kann Michiel wertvolle Tipps zu Pakistan geben, schließlich wägt Michiel noch ab, ob er nicht doch den Landweg nach Indien nehmen könnte.

Die Sonne verliert an diesem Nachmittag mit jeder Stunde an Kraft und wir machen uns auf, um endlich anzukommen. Wir irren in Teheran umher auf der Suche nach dem Block unserer Gastfamilie. Schließlich kommen wir im Bagh-e-Saba, dem 7. Stadtteil an und werden freundlich von Familie und Hund begrüßt. Am Abend sitzen wir bei Simin im gepflegten Wohnzimmer mit den edlen Sofas und Teppichen und lernen ihren Sohn Amireza, ihre Tochter Sarah und ihren Mann Mechdad kennen. Zur Begrüßung gibt es Tee und getrocknete Früchte, auch wenn mir etwas Sättigendes jetzt lieber wäre. Simin ist seit einer Brustkrebserkrankung Frührentnerin, Sarah arbeitet als Socialmedia-Betreuerin im Krankenhaus und Amireza, der sogar größer ist als ich, geht noch zur Schule. Für die nächsten Tage werden wir ein Teil der Familie sein, bei allen Mahlzeiten mitessen und in der Wohnung im Keller übernachten. Dafür bekommt Simin etwas Geld, das sie für ihre Reisen ins Ausland gut gebrauchen kann, schließlich erlebt die iranische Währung gerade in diesen Tagen eine Inflation, wie Simin sie noch nicht erlebt hat. So beklagt sie sich häufig: “What is this? Wie sollen wir in Zukunft die Dinge zum Leben bezahlen? Allein in den letzten Wochen sind die Preise sehr weit nach oben gegangen. Euch kann das ja egal sein, aber wir stecken hier fest und müssen damit leben. Aber egal, jetzt müssen wir damit leben. Es ist unser Alltag und alles nur wegen diesem Trump.”

Die Regeln in der Islamischen Republik Iran

Die genaue Adresse und den Nachnamen unserer Gastfamilie lasse ich weg, denn diese Einladung von Fremden ist im Iran, wie auch Couchsurfing nicht erlaubt. Und da wir beide Männer sind und über Nacht bleiben, soll es sogar „streng verboten“ sein.

Doch Simin ist sowieso eine Systemkritikerin, die sich wie viele ihrer Mitmenschen nicht allzu viel aus den strengen islamischen Regeln des Alltags macht. Sie empfindet die Regeln des traditionellen Islam als unterdrückend und einschränkend. Ginge es nach dem Gesetz, wären Tanzen im Freien, das Rauchen von Frauen in der Öffentlichkeit und der Genuss von alkoholischen Getränken im Freien verboten. Andersherum ist das Bedecken der Haare für Frauen ein Muss, weitere Regeln existieren was die Länge von Hosen und Oberteilen angeht. Dieser Blog erwähnt dazu mehr. https://sunsetsandsummits.com/die-herausforderung-mit-der-kleiderordnung-im-iran/

Generell sind die Regeln für Frauen also strenger und ihre Freiheiten weiter eingeschränkt. So gilt vor Gericht das Wort einer Frau auch nur halb so viel wie das eines Mannes, eine Frau ist genau genommen weniger Wert. Interessant ist das Thema genau dann, wenn man betrachtet wie diese Regeln in der Praxis umgesetzt werden. Ich beobachte, dass moderne Iranerinnen gerade das Kopftuchgebot sehr kreativ auffassen. Die, die es nicht tragen wollen, verwenden es eher wie ein Accessoire oder einen Schal, der gerade noch die hinteren Haare bedeckt. Ganz nach der Devise: Die Hauptsache ist, es bedeckt noch einen klitzekleinen Teil der Haare.

Die kommenden Tage vergehen wie im Flug. Michiel und ich müssen planen. Wir müssen, auch wenn wir eigentlich gerne das pulsierende Teheran erkunden würden. Er besucht mehrere Konsulate und Botschaften, um sein Indien-Visum zu bekommen. Ich überlege haareraufend, wie ich die Rückreise gestalte. Gerne würde ich nicht den gesamten Weg fliegen, sondern wie Vincent einen Teil mit dem Bus fahren. Dank ihm weiß ich, dass die sechsunddreißigstündige Busreise nach Istanbul anstrengend aber günstig und auch mit dem Fahrrad machbar ist. Mit der Hilfe von Simin rufen wir das Busreiseunternehmen an und das Ticket ist reserviert. Alles auf Farsi, gut, dass sie dabei ist.

Eine Gruppe Fahrräder unter Millionen Autos

Am Abend geht Simin jeden Dienstag und Samstag mit einer Gruppe von Fahrradenthusiasten auf Radtour in der Großstadt. Michiel und ich begleiten sie mit unseren Reiserädern, die sich nun ohne Gepäck wieder federleicht fahren lassen. Unter einer großen Brücke treffen wir auf ihre Freunde, die wie Fahrrad-Freaks wirken. In Teheran ist Fahrrad fahren nicht normal und vorgesehen. Daher handelt es sich bei allen um Ausbrechern aus dem System, das sieht man auch. In dieser bunten Truppe fahren wir in den Norden von Teheran, es geht kilometerlang stetig bergauf und wir gewinnen an Höhe. Wir blockieren Kreuzungen und Kreisverkehre und ziehen Blicke nach uns. Die Luft wird kühler, schließlich ist es schon Anfang September. Auf dem Rückweg fliegen wir die Straßen bergab und fließen im spätabendlichen Verkehr mit, ein ganz besonderes ergreifendes Gefühl. Der Blick stets konzentriert auf dem Asphalt, denn jederzeit kann ein Schlagloch kommen.

Wenn wir von diesem Ausflug zurück sind, ist es schon lange dunkel und auch im Iran Schlafenszeit.

Noch ein paar Tage, dann werde ich meine Koffer packen, um die Heimreise anzutreten. Mein Fahrrad muss in einen Karton gepackt werden und ich brauche einen Plan für das restliche Gepäck. Am 10.09.2018 um 10 Uhr morgens fährt der Fernbus nach Istanbul am Busbahnhof in Teheran ab. Von dort werde ich den Flieger nach Hamburg nehmen. Was möchte ich bis dahin noch erleben? Was muss ich erledigen?

Und vor allem: Was hat diese lange Reise mit mir gemacht?  Und würde ich sie wieder machen?

Diesen Fragen werde ich in einem weiteren Beitrag nachgehen.

Kommentare

  1. Härtl Alfred

    Hallo Hannes, schön , dass ich wieder etwas von dir höre !
    Ich war im letzten Herbst schon besorgt darüber , nichts mehr von dir gelesen oder gehört zu haben !
    Es freut mich außerordentlich , dass du gesund wieder zuhause bist.
    Dein Bericht ist wieder einmal äußerst amüsant und aufregend zugleich. Die Details sind so gut beschrieben , dass ich manchmal
    glaube , selbst dabei zu sein.
    Wie du das alles geschafft hast – mit zum Teil widrigsten Bedingungen – ist mehr als bewundernswert ! Freue mich auf deinen nächsten Bericht ! Bis dahin , besten Gruß , Fredi

    1. Autor
      des Beitrages
      HannesPeter

      Hi Fredi, ja vielleicht hätte am Ende der Reise nochmal einen kurzen Blog schreiben sollen, doch es war dann doch irgendwie auch alles ein bisschen viel und ich musste mich auf die Organisation der Rückreise konzentrieren.
      Toll, dass dir der Bericht gefällt und Danke für das Lob! Es hat Spaß gemacht, die Erinnerungen wieder aufleben zu lassen, es war ein ganz anderes Schreiben mit mehr Recherche, als wenn ich es auf der Reise geschrieben hätte. Schließlich hatte ich einige Zusammenhänge schon wieder vergessen. Cool, dass du während der Reise immer wieder kommentiert hast, das ist echt wertvoll für mich, schließlich wollte ich auch wissen, wie der Blog so ankommt. Danke dafür!
      Liebe Grüße aus Rosenheim, Hannes.

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