Gastbeitrag von Vincent: Über die Motivation zu einer großen Reise, märchenhafte Verwunschenheit und den Iran

Wir lernten uns nie kennen und doch kennen wir uns. Vincent hatte in der Türkei den selben Couchsurfing-Host wie ich. Allerding nicht zur selben Zeit, sondern drei Wochen vor mir. Seit dem sind wir per Handy in Kontakt. Zeitgleich mit mir war er auf dem Weg von München nach Teheran – im Sommer 2018.

Vincent kam aus diesem Grund schon häufiger auf diesem Blog vor.

Im Folgenden schreibt er, wie auch du deine Zweifel über eine große Reise aus dem Weg räumen kannst. Außerdem warum er den Iran als Ziel gesetzt hat und warum er sich vorstellen kann, dort zu leben.


Puh, wie fang ich an?

Warnung vorweg: ich weiß nicht genau wie ich das hier schreiben soll einfach, weil ich generell eher nicht so viel vom Bloggen halte. Es ist mir oft ein bisschen zu viel Frenetisches selbst gefeiere und ich persönlich tendiere beim Lesen anderer Blogs leider viel dazu den Autoren bei der Verwirklichung ihrer Träume zuzusehen anstatt, meine eigenen Realität werden zu lassen.

Die Message dieses Textes vorweggenommen ist also, das ihr lieber aufhört hier weiterzulesen und vielleicht einfach losradelt , wohin es euch zieht. Erich Kästner sagte mal zu sich selbst:

„du müsstest öfter reisen, um zuweilen nicht daheim zu sein. Nur unterwegs erfährt man das Gefühl märchenhafter Verwunschenheit.“

Und damit ist eigentlich auch schon alles gesagt!

Okay vielleicht auch doch nicht, ich stell mich erstmal vor, ich bin Vinc, 21 aus München. Montessori Schüler und sozusagen Kollege von Hannes. Ich bin 2018 von März bis September mit dem Rad von München nach Tehran gestrampelt. Hannes und ich hatten während der letzten Monate unseres Reisens regen Sprachnachrichten-Verkehr, um die Freuden und Leiden des Unterwegsseins miteinander zu teilen, persönlich getroffen haben wir uns aber noch nie (das liegt aber zu 100% an mir und meiner Schusseligkeit). Über unsere Reisezeit waren wir also irgendwie beste Freunde, wir haben uns alles erzählt, was so abging und uns wirklich super gut verstanden. Hannes hatte mich mal gefragt, ob ich nicht was für seinen Blog schreiben wolle und jetzt versuch ich das mal.

Schon vor dem Abi 2017 war mir irgendwie klar, das ich sowas machen wollte, mit dem Fahrrad weit weg, neues sehen, was erleben und so! Wirklich an mich selbst und die Umsetzung dieses Plans hab ich aber nie geglaubt. Ich hatte ein paar Bücher und Blogs z. B. Christoph Borgan‘s „Nach Teheran? Mit dem Rad!“ gelesen dabei aber immer das Gefühl das so ein Unterfangen nur die krassen Leute machen können. Nur die haben den Mut, das Selbstbewusstsein, das Durchhaltevermögen und die Kraft um so eine Reise zu machen, ich hatte das alles nicht und würde es deswegen auch nicht schaffen.


Im Nachhinein weiß ich das ist alles Quatsch, du brauchst das alles nicht, was eigentlich zählt, ist der Traum und die Überwindung den ersten Schritt zur Umsetzung zu tun. Die Träume haben wir ja alle irgendwie, egal ob es jetzt der neue Job, oder die 3-jährige Weltreise ist. Am schwersten finde ich das Losgehen um den Job oder die Welt zu entdecken. Daran scheitern wir oft, weil unsere Ängste zu groß sind, sie blockieren die Umsetzung und deshalb müssen wir uns da manchmal zu unserem Glück zwingen. Setz dir zum Beispiel einen Tag, an dem du los fährst, vielleicht heute in einem Monat, erzähl allen deinen Freund*innen von deinem Plan nur um dich unter Tatendruck zu setzen und dann fang an. Dann machst du bis zu dem Tag was irgendwie geht und fährst einfach los, egal ob du dich bereit fühlst oder nicht. Das wird schon klappen!


Tipp 2: du brauchst auch keine Ausrüstung, du brauchst kein Geld, keinen Plan, nix von all dem! Diese Dinge machen es dir zwar leichter unterwegs aber sie sind nicht nötig. Wenn du das wolltest, könntest du jetzt aufstehen, noch in Boxershorts und dir sagen, so ich lauf jetzt nach Teheran und dann gehst du los, nur in Boxershorts und du würdest es schaffen. Also schreib auf was du denkst zu brauchen, reiße die Liste in zwei, sammle die Dinge zusammen, die auf dem oberen Papierschnipsel stehen und nutze die untere Papierhälfte als Fahne für dein Fahrrad.


Was vielleicht auch noch praktisch sein kann, ist sich eine/n Freund*inn mitzunehmen die dich die ersten Tage begleitet. Dann hast du weniger Angst loszufahren und lebst dich zusammen in deinen neuen Alltag ein. Und dann wenn du mal losgefahren bist, wirst du merken, wie leicht das alles ist, wie sich immer alles zu deinem guten fügt, das du überhaupt keine Angst zu haben brauchst, das du alles schaffen kannst und dann kann dein/e Freundi*inn wieder umdrehn. Und falls du dann merkst, dass es für dich allein irgendwie doch nicht klappt, dann drehst du halt auch wieder um, das ist ja auch kein Ding. Du hast es ja dann trotzdem probiert, ein bisschen was gelernt und erlebt. Ich würde aber sagen, probier mal ca. 1 Woche noch allein durchzuhalten dann kannst du wirklich sagen, ob du es kannst oder einfach noch mehr Zeit zum Mut sammeln brauchst. ; )
P.S. Aber wenn ein absoluter voll Dulli wie ich das schaffen kann, dann kann das wirklich jeder/jeder machen, du musst dich nur zum Anfangen zwingen und dann wird sich alles laufen.
Ah, und noch ein letzten Tipp. Setz dir selbst die Regel, kein Abenteuer und keine einzige Bekanntschaft, die du unterwegs machen könntest auszuschlagen. Mach alles mit und vertraue auf das Reise-Schicksaal, weil dir dann die tollsten Dinge passieren werden. Außerdem erlebst du dadurch das wirkliche Wesen der Orte, die du besuchst. Du tauchst in den Alltag der Menschen dort ein und bekommst einen ganz neuen Blick auf deren Kultur und Gesellschaft aber auch auf dich selbst, und deine eigene Heimat. (Ich klinge wie n Glückskeks)
Jap, mein Ideentext ist hier jetzt zu Ende also fahrt los, genießt und zwingt euch wenn’s nötig ist. Hier kommt jetzt noch ein bisschen, warum ich mit dem Fahrrad unterwegs war und warum ich in den Iran gefahren bin.


Mit dem Fahrrad?!

Für mich war radeln irgendwie die beste Möglichkeit über mein Vorankommen selbst bestimmen zu können, sich treiben zu lassen, genügend Zeug mitzunehmen, umweltschonend zu reisen und trotzdem gut Strecke zu machen. Toller Nebeneffekt ist das Spüren der langsamen Veränderung von Bekanntem zu Unbekanntem. Die besonderen Momente, Landschaften, Bekanntschaften und Abenteuer die Mensch unterwegs begegnen, machen Radreisen so unglaublich spannend und besonders. An sich ist das Fahrrad da aber eben nur Mittel zum Zweck, um sich, wie schon gesagt den Abenteuern des Reisens hinzugeben. Dafür is es halt super aufs Flugzeug, Auto, auf‘s Hotel auf, TripAdvisor und diese ganzen Dinge zu verzichten, weil sie dich davon abhalten jeden Moment, besonders die unvorhergesehen auszukosten.


In den Iran?!

Bevor ich mich aktiv über den Iran informiert hatte, bekam ich nur über die Nachrichten ab und zu was von dort mit, da ging es dann meistens um die Regierung und ihre Politik. Beschrieben wurde ein autoritäres Regime das seine Herrschaft und seine ruchlosen Handlungen mit einer religiösen Haltung legitimiert, die ihr als Regierung alles erlaubt und aus dem, vor der Revolution so fortschrittlichen Iran eine theokratische pseudo-demokratie gemacht hat. Ich fand es krass davon zu hören und konnte nicht begreifen, wie die Bevölkerung damit lebt. Nach dem Abi habe ich zufällig Stephan Orth‘s „Couchsurfing im Iran“ gelesen und war begeistert als wie extrem freundlich, wie lebensfroh und wie positiv er die Iraner*innen im Buch beschreibt. Ich war fasziniert und wollte verstehen, wie die Menschen dort so positiv sein können, nicht verzweifeln und sogar noch einen besseren Umgang untereinander und mit Fremden pflegen als wir es hier in Deutschland tun, obwohl doch die Lebensverhältnisse im Iran so mies sind.

Ich bin in München aufgewachsen und fand schon immer das die Bayern einen schrecklichen Umgang miteinander sowie mit „Zuagroasdn“ haben. Uns geht es hier so verdammt gut, aber wir motzen uns nur voll und machen uns gegenseitig das Leben zur Hölle. Wie kann das sein, dass die Iraner*innen mit Fremden so umgehen wie ich es nur mit meinen besten Freunden tue, obwohl es ihnen doch so viel schlechter geht.
Deswegen wollte ich in den Iran, mir das ansehen und was lernen.


Fazit:

Der Iran ist das gastfreundlichste Land in dem ich jemals gewesen bin. So spannend, so besonders, so sonderbar ist die iranische Kultur, die Landschaft, die extreme Diskrepanz zwischen Politik und Bevölkerung. Ich kann mir inzwischen vorstellen im Iran zu leben dort mein Erasmus zu machen nur, um noch mehr einzutauchen in diese absolut fantastische Welt. Ui, ich spüre die Begeisterung grade wiederaufkommen, wo ich das hier schreibe. Ich war betrunken mit Freunden nackt baden, habe mit Truckern Opium geraucht, mit ihren Großfamilien gegessen, mit Couchsurfer*innen ein Hochzeitskleid ausgesucht, mit Polizisten über die Regierung geschimpft und mit 30 anderen Radfahrer*innen Teheran unsicher gemacht. Und eigentlich will ich sofort wieder los, dort hin. Also, Empfehlung an euch fahrt in den Iran und erlebt das Gefühl märchenhafter Verwunschenheit. ; )


Heute, wo ich das hier schreibe, ist der 40. Jahrestag der Islamischen Revolution im Iran. Ohne meine Reise dort hin wüsste ich davon nichts und mir wäre es wahrscheinlich auch egal gewesen. Doch jetzt interessiere ich mich dafür, schreibe mit meinen Freund*innen dort und versuche mitzubekommen was abgeht. Diese Verbindung schafft ein Gefühl von Gemeinschaft, das wichtig ist, weil aus einem internationalen Verbundenheitsgefühl heraus einfach viel schwerer Feindschaft, Krieg oder Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen entstehen kann. Und deshalb will ich euch alle dazu anregen zu Reisen und mit den Menschen Unterwegs in Kontakt zu kommen, was zu erleben, sie zu erleben, von ihnen zu lernen, mit offenerer Haltung in die Welt zu gehen und die Welt mit offenen Armen bei uns zu empfangen einfach, weil es uns guttut und ihnen guttut!


Also los worauf wartet ihr?
Viel Spaß,
Vinc

Kommentare

  1. Lewin John

    Du hast einen sympathischen Schreibstil. Sehr unterhaltsam:) Was du über den Iran geschrieben hast kann ich nur bestätigen. Es ist wundervoll dort!
    – Lewin

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